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Die EU hat zu viele Amtssprachen

10.02.2012 | 21:10 Uhr
Die EU hat zu viele Amtssprachen
Dolmetscher in ihren Kabinen

Essen.   Wirtschaftswissenschaftler kalkulieren Vor- und Nachteile der Vielsprachigkeit. Die Europäische Union sollte ihren Empfehlungen zufolge nicht weniger als 17 Amtssprachen abschaffen. Zu viele Sprachen stehen der wirtschaftlichen Entwicklung im Wege – zu wenige aber auch.

Wie wäre das Leben leicht, wenn alle Menschen eine Sprache sprächen! Es war der Zorn Gottes, so erklärt es die Bibel, der uns die globale Sprachverwirrung brachte. Weltweit gibt es heute über 6900 Sprachen. Das sind zu viele, meinen die Wirtschaftswissenschaftler Shlomo Weber (Southern Methodist University, Dallas) und Victor Ginsburgh von der Freien Universität Brüssel. Die vielen Sprachen kosten Geld, Wirtschaftswachstum, Wohlstand – und Verständnis. Man müsse mit weniger auskommen, sagen sie. Und meinen vor allem die Europäische Union.

Weber und Ginsburgh erforschen seit Jahren die ökonomischen Folgen der Sprachvielfalt und schlagen der Europäischen Union vor, auf einige zu verzichten. 27 Mitgliedsstaaten bilden die EU, 23 Amtssprachen pflegt sie. Das kann nicht nur zu groben Missverständnissen führen, es kostet richtig viel Geld: Mehr als eine Milliarde Euro werde für die Übersetzungen in der EU-Verwaltung benötigt. Vom Bulgarischen ins Dänische, vom Finnischen ins Estnische, vom Italienischen ins Deutsche und kreuz und quer. Als sprachliche Kleinstaaterei geißeln das manche. Das ist nicht gut für die Demokratie.

Ein Drittel in der EU sprechen leidlich Englisch

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23 Amtssprachen in der EU

Mit 23 Amtssprachen hat die EU den größten Dolmetscherdienst der Welt. Die Nato beschränkt sich auf zwei Amtssprachen, die UNO mit ihren 192 Mitgliedsstaaten auf sechs.

Für den Dienst der Europäische Kommission arbeiten rund 530 Dolmetscher, außerdem können bei Bedarf 2700 Freiberufler herangezogen werden. Jeden Tag sind rund 700 Dolmetscher bei rund 60 Veranstaltungen im Einsatz. Das Europäische Parlament und der Europäische Gerichtshof unterhalten jeweils ihren eigenen Dienste. Für Dolmetscher und Übersetzungen wird ein Prozent des Budgets aller EU Institutionen ausgegeben – mehr als eine Milliarde Euro pro Jahr, rund 2,50 Euro pro Bürger.

Dass knapp ein Drittel der rund 500 Millionen EU-Bürger leidlich Englisch spricht, macht die Sache nicht viel besser. Denn: „Was ist mit den übrigen zwei Dritteln?“ fragen Weber und Ginsburgh. Die Übersetzungsmühlen mahlen ja nur innerhalb der EU-Bürokratie. Somit dränge die Dominanz des Englischen die große Mehrheit der EU-Bürger an den Rand, schreibt das Forscherduo in seinem Buch über die Ökonomie sprachlicher Vielfalt „How Many Languages Do We Need?“ (Princeton University Press).

Die Sprachbarriere behindere den direkten Zugang zu politischen, juristischen und wirtschaftlichen Prozessen. Gesetze, Regeln und Debatten blieben für die Mehrheit der EU-Bürger unverständlich. Da sie die Vorgänge in der Union schlechter begreifen, könnten sie sich kaum Einfluss verschaffen. Kurz: Sie können nicht mitreden. „Sprache ist die Voraussetzung für Engagement“, sagt Weber.

Besonders schlimm ist es in Afrika. Allein Nigeria muss 527 Sprachen unter einen Hut kriegen, Kamerun 279, Tansania 129. In der nachkolonialen Zeit hätten sich diese Staaten auch deshalb langsamer entwickelt. So gesehen steht die EU noch gut da.

Auf der anderen Seite generiere sprachliche Einheit auch Wohlstand. Regierungen müssten entscheiden, ob sie auf Kosten ihrer Sprache und Kultur ein paar Prozentpunkte Wirtschaftswachstum erzielen wollten oder nicht. „Das ist eine sensible Balance.“ Ein gutes Beispiel dafür sei Frankreich. Vor 200 Jahren war das Land sprachlich in zahlreiche Dialekte zerfallen, nur zehn Prozent der Einwohner sprach Französisch. Heute ist das bekanntlich anders.

Brüssel käme mit sechs Sprachen bestens klar

Die Autoren zeigen indes auch, wie nützlich zuweilen ein Sprachmix sein kann. Sie zitieren Studien, nach denen Unternehmen mehr Gewinn erzielen, wenn sie Mitarbeiter mit unterschiedlichen Sprachen beschäftigen. Eine Untersuchung von zwölf amerikanischen Großstädten zeige, dass Vielsprachigkeit höhere Löhne und größeren Wohlstand bringt. Sie ist offenbar dann besonders fruchtbar, wenn die verschiedensprachigen Mitglieder einer Gruppe ein gemeinsames Ziel verfolgen. Sprachvielfalt hat demnach Vor- und Nachteile.

Ruanda und Russland

Victor Ginsburgh wurde in Ruanda geboren, seine Muttersprache ist Kinyarwanda. Als Ökonomie-Professor lehrte er in Brüssel, war Gastprofessor in den USA. Shlomo Weber wurde in Moskau geboren, studierte Wirtschaftswissenschaft und lehrt unter anderem in Dallas und in Moskau.

Weber und Ginsburgh entwickeln eine Methodik, mit deren Hilfe die Politik sowohl die Kosten als auch den Nutzen einer entweder erweiterten oder reduzierten Sprachvielfalt ermitteln können. Sie berücksichtigen etwa die Fremdsprachenkenntnisse der Bürger, die Abstimmungsregeln in der EU sowie linguistische Ähnlichkeiten. Ihre Überlegungen lassen die Autoren in die Frage münden, wie viele Sprachen die EU-Verwaltung benötigt. Es sind sechs! Englisch, Französisch, Deutsch, Italienisch, Spanisch und Polnisch.

Jenseits der Ökonomie aber macht das Thema Victor Ginsburgh eher traurig. „Jeden Tag stirbt irgendwo auf der Welt eine Sprache“, sagt er. Mit ihr verschwinde zugleich ein Teil unseres Kulturguts. So gesehen werde Europa vielleicht effektiver, aber auch kulturell ärmer.

Christopher Onkelbach



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