Die bunte Welt vor 1914

Moyland..  Bis vor kurzem noch musste man denken, vor dem Zweiten Weltkrieg sei die Welt schwarzweiß gewesen. Alle Bilder, die wir hatten, waren so – oder gemalt. Dabei gab es Farbfotografie schon vor dem Ersten Weltkrieg. Das erste Farbfotobuch der Welt „Aus Deutschlands Gauen“ entstand 1903, ursprünglich im Auftrag der Kaiser-Familie, die Kölner Schokoladenfabrik Stollwerck machte aus den Landschaftsaufnahmen ein Sammelalbum.

Weit spektakulärer aber war, was der superreiche Pariser Bankier Albert Kahn (1860-1940) zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Auftrag gab: Er schickte ab 1908 Dutzende Fotografen von Schweden bis Vietnam, von Albanien bis zum Senegal rund um die Welt: Sie sollten eine Sammlung zusammentragen, mit der die Völker der Welt einander besser kennenlernen sollten, als friedensstiftende Maßnahme – Kahn, der um 1890 durch Börsenspekulationen zu märchenhaftem Reichtum gekommen war und diesen beim Börsencrash 1929 wieder verlieren sollte, ahnte wohl, dass ein großer Krieg in der Luft lag.

Turbanträger, Mongolenfürstenund eine schöne Irin

Jedenfalls ist seinem spendablen Auftrag ein Archiv von über 72 000 farbigen Diapositiven aus der Zeit vor 1914 zu verdanken, die mit Autochrome-Technik aufgenommen wurden – und rund 120 von ihnen sind ab Sonntag in der Ausstellung „Around the World“ im niederrheinschen Museum Schloss Moyland zu sehen: Zwei Tabak- Träger im Landgut eines türkischen Paschas mit Fez und Pluderhosen etwa, die man glatt aus einem Karl-May-Roman herausgeklaubt haben könnte, die drei monumental herausgeputzten Frauen auf Korfu ebenso wie den prächtig gewandeten Priester am Palast des Himmlischen Friedens in Peking, den Mongolenfürsten im roten Mantel auf seinem Pferd oder den Elefanten mit den beiden Turbanträgern vor dem Königspalast im indischen Amber. Sie alle wirken unglaublich malerisch, und so manche Bildpartie weist eine Schärfe auf, die man in dieser Zeit nicht unbedingt erwartet hätte. Das Taj Mahal und die Sphinx von Gizeh haben Kahns Fotografen auch abgelichtet, aber die sehen aus wie heute noch. Ganz anders sehen die Menschen aus, es gibt Gesichter, die es heute nicht mehr gibt – aber auch schon ganz modern wirkende wie das der schönen Irin von Galway, die anmutig im roten Claddagh-Gewand vor ihrem Haus sitzt.

Nur aus dem russischen Zarenreich hatte Kahn so gut wie kein Bild. Aber hier ließ Nikolaus II. bis zur Mitte des Ersten Weltkriegs rund 10 000 farbige Fotografien vom Alltag in seinem Reich anfertigen. Diese jedoch im Verfahren des Berliner Professors Adolf Miethe, bei dem eine grüne, eine blaue und eine rote Aufnahme desselben Gegenstands übereinander gelegt wurden. So hat die sibirische Bäuerin beim Flachsbrechen ein schwarz-rotes Festtagskleid an und die Kuppeln der Kirche in Kostroma glühen kupfergrün. Mit diesen Aufnahmen erhöht sich die Zahl der Bilder in der Ausstellung auf rund 150, deren Qualität nicht zuletzt durch die Umwandlung in Laserdrucke zustande kam.

In dieser Form hat die Schau auch schon in Bonn und Berlin viele Zuschauer angezogen – in Moyland hat man sie um staunenswerte Schaustücke aus 300 Jahren Bild- Geschichte zwischen Camera Obscura, Perspektivtheater und Laterna Magica ergänzt, die der Mülheimer Filmemacher und Bild-Professors Werner Nekes aus seiner umfassenden Sammlung zur Verfügung gestellt hat. Stereoskop-Bilder vom Ausbruch des Vesuvs in Pompeji und ein Radrennen von Skeletten gehören zu den spektakulärsten Stücken, die wahrscheinlich bei den jüngsten Ausstellungsbesuchern großen Anklang finden werden. Und am Ende kann jeder Besucher noch ein Miethe-Bild von sich selbst anfertigen – so sieht anschauliche Technik-Geschichte aus.