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Die besten Neo-Western

22.01.2015 | 00:12 Uhr

Letzten Monat haben wir hier den Roman „Regengötter“ von James Lee Burke gelobt; die Kritikerjury hat ihn jetzt zum „Krimi des Jahres 2014“ gewählt. Da ging es ja um den alten Sheriff Holland, der als einsamer Held die jungen Bösen das Fürchten lehrt. Heute nun das Gegenstück: Der alte John Gload, jetzt in der Zelle vom Sheriff’s Office, hat von Raub und Mord gelebt, seit er einst aus dem Erziehungsheim floh. Und ist doch ein biederer Naturfreund, Obstbauer und fürsorglicher Ehemann geblieben, hat auf seltsame Weise sogar ein Gefühl für Recht und Anstand bewahrt. Stoisch sieht er seiner ersten und letzten Verurteilung entgegen.

Der Alte sitzt in der Zelle, der Junge davor

Der junge Deputy Valentine Millimaki, der ihn nachts bewachen muss, hat nicht nur wegen seines finnischen Namens den Spott der Kollegen zu ertragen. Dass er und sein Spürhund vermisste Personen im Bergland von Montana nur noch tot finden, macht ihn depressiv. Und außerdem verliert er, ziemlich verzweifelt, gerade seine frustrierte Frau. Lange liest sich das wie ein Zweipersonenstück nach Becketts Art: der Alte in seiner Zelle, der Junge auf dem Stuhl davor, beide von Schlaflosigkeit gepeinigt; ihre Zwiegespräche zwischen Lebensgeschichte, Therapie und Beichte. Das könnte so weitergehen, gäbe es nicht doch noch eine handfeste Überraschung ...

Jedenfalls ein origineller Roman über die diffuse Grenze von Gut und Böse – als ein Krimi, aber auch als ein „Neo-Western“ zu lesen, in dem es um das (nicht nur) amerikanische Urproblem geht, wie die wilde Natur, aber auch Gier und Gewalt der Menschen denn wohl „zivilisiert“ werden können und was Recht und Gesetz dabei eigentlich bewirken.

Solche Bücher gibt es jetzt wieder öfter: Rückgriffe auf eine Vergangenheit, in der sich die Krise des US-amerikanischen Selbstbewusstseins spiegelt, die aber ganz verschieden gefärbt sein können. Fast schon schwarz, dabei stilistisch prägnant ist Bruce Holberts Debütroman „Einsame Tiere“ (Liebeskind, 303 S., 19,80 Euro): Der gewalttätige alte Sheriff jagt einen Serienmörder, der im Indianerreservat wütet – und sieht sich dabei zunehmend mit der eigenen Grausamkeit konfrontiert.

Wer es dagegen eher farbenfroh mag, ist beim Routinier Joe R. Lansdale richtig, der seiner Schwäche für Mark Twain folgt („Das Dickicht“, Tropen, 331 S., 19,50 Euro), wenn er den elternlosen kleinen Jack mit einer bunten Kopfgeldjägertruppe („ein schießwütiger Zwerg, der Sohn eines Sklaven“ und ein prächtiges Kampfschwein) losschickt, um sein Erbteil zu verteidigen. Dass Jack seine Abenteuer nun als Familienvater mit Blick auf das (ererbte) Ölfeld erzählen darf, ist mehr als ein Happy End.

Es zeigt auch: Der amerikanische Traum ist trotz allem nicht umzubringen.

Jochen Vogt

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2015-01-22 00:12
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