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Deutschland begreifen mit Benjamin von Stuckrad-Barre

19.02.2010 | 17:35 Uhr
Deutschland begreifen mit Benjamin von Stuckrad-Barre

Essen.Benjamin von Stuckrad-Barre macht in seinem Buch „Auch Deutsche unter den Opfern“ die Republik begreifbar. Er porträtiert Politiker und Popstars, besucht die Eröffnung eines Elektromarktes und einen Physikkurs für Mädchen. Ein gelungener Mix aus Hoch- und Alltagskultur.

Warum Benjamin von Stuckrad-Barre unter Journalisten so unbeliebt ist, habe ich nie verstanden. Für mich war er immer einer der besten Gesellschaftsreporter des Landes. Und ich meine „Gesellschaft“ nicht im Sinne von Klatsch- oder Promiberichterstattung. Auf den neuen Sammelband „Auch Deutsche unter den Opfern“ habe ich mich jedenfalls gefreut und siehe da – er ist erstklassig geworden.

Der „Spiegel“ schrieb neulich, wer unsere Republik im neuen Millenium begreifen wolle, komme an diesem Buch nicht vorbei. Da ist etwas dran. „Auch Deutsche unter den Opfern“ ist ein Kaleidoskop – Stuckrad-Barre porträtiert Politiker, Popstars, Literaten und Nichtberühmtheiten, spricht auf der einen Buchseite mit Alexander Kluge, besucht auf der nächsten die Eröffnung eines Elektromarktes und auf der übernächsten einen „Physikkurs für Mädchen“. Es ist ein Mix aus Hoch- und Alltagskultur, Nahansicht und Vogelperspektive.

Ein Abend zum Thema „radikales Denken“

Am besten ist Stuckrad-Barre immer dann, wenn er die Eitelkeit und Selbstzufriedenheit gewisser Millieus aufdeckt. Mein Favorit ist die Reportage „Trockengebiete.“ Der Autor besucht einen Abend zum Thema „radikales Denken“ in der Berliner Volksbühne. Auf dem Podium: Roger Willemsen, Claus Peymann und, in Vertretung der erkrankten Charlotte Roche, ein Mitglied des Ensembles. Barre durchschaut den Lesebrillenmuff eines Publikums, das seine Offenheit durch gruppenzwangartige Lacher über Willemsens „Pipikacka-Wörter“ (Barre) und einen folgenlosen radical chic definiert. Ein brillanter, sehr lustiger Text.

Die zweite Stärke von „Auch Deutsche unter den Opfern“ liegt darin, dass Stuckrad-Barre sich keine einfachen Opfer sucht. Anders als die Protagonisten der „Trockengebiete-Reportage“ buhlt er nicht um Applaus von der „richtigen“ Seite. Sehr schön beobachten kann man das im Wahlkampf-Porträt von Guido Westerwelle. Barre beschreibt ihn zwar als den Rhetorikroboter, der er ist, entlockt ihm aber später, als beide gemeinsam im Stau stehen, so manche Aussage, die man nicht erwartet hätte – von der Reue über PR-Stunts im BigBrother-Haus bis hin zu Akneproblemen in der Teenagerzeit.

Geschrieben ist das alles in einem lakonischen, oft sehr komischen, Ton. Für Aussehen und Manierismen seines jeweiligen Gegenübers findet Stuckrad-Barre fast immer die richtigen Bilder – so auf der Berlin Fashion Week, wenn er seine Sitznachbarin beschreibt: „Frisur, Schmuck und Kleidung [verliehen] ihr den Gesamteindruck eines explodierten Antiquitätengeschäfts.“ So manch großer Moment steckt in knappen Nachsätzen – etwa, wenn Barre auf einer Zugfahrt mit Franziska Drohsel und Genossen das Juso-Programm bespricht, um nach dem Halt des ICE zu schreiben: „Einer der Juso-Jungs möchte jetzt erstmal ein Eis.“

Das neue Buch „Auch Deutsche unter den Opfern“ mit einem Vorwort von Helmut Dietl erscheint am 22. Februar im Verlag Kiepenheuer & Witsch.

Ingo Juknat

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