Deutscher Buchpreis: Heimspiel für Bodo Kirchhoff

Bodo Kirchhoff, 1948 in Hamburg geboren, lebt in Frankfurt und am Gardasee.
Bodo Kirchhoff, 1948 in Hamburg geboren, lebt in Frankfurt und am Gardasee.
Foto: Laura J. Gerlach
Was wir bereits wissen
Für seine Novelle „Widerfahrnis“ erhielt der Frankfurter Schriftsteller Bodo Kirchhoff (68) den Deutschen Buchpreis. Ein Porträt.

Essen.. Am Montagabend im Frankfurter Römer hielt Bodo Kirchhoff die bislang längste Dankesrede ei­nes Buchpreis-Gewinners. Schließlich wusste der 68-Jährige, dass sein Ball auf der Linie lag. Kurz bevor die Shortlist bekannt gegeben wurde, hatte die Eintracht 2:1 gegen Leverkusen gesiegt, am Samstag dann den Bayern ein 2:2 „abgerungen“. Für Kirchhoff, mit Herz und Seele Frankfurter, standen die Zeichen auf: Meister! Also, jedenfalls für ihn persönlich.

Seit 34 Jahren lebt Bodo Kirchhoff in der Stadt am Main. Von seinem Arbeitszimmer im neunten Stock eines Wohnblocks in Sachsenhausen blickt er auf die Banken-Skyline. Wenn er hier im roten Schreibsessel sitzt, das Laptop auf den Knien, hat er die Familie gewissermaßen im Rücken: Ehefrau Ulrike und die – nun erwachsenen – Kinder lebten stets nur wenige Straßen hinter dieser in eigener Wohnung; ein Freiraum, der seit über 30 Jahren die Ehe lebendig hält.

Und wenn Kirchhoff im Römer über die Entstehung des Preis-Werks „Widerfahrnis“ spricht, dann erinnert er zugleich an Menschen und Orte in seinem Leben, die das Werk möglich machten – gemäß seiner Überzeugung, dass Literatur immer aus dem eigenen Erleben schöpfe. Seit fünf Jahren trug er also das Wort „Widerfahrnis“ mit sich herum („Was für ein Titel, dachte ich!“), dass es nicht im Duden, wohl aber bei Martin Heidegger gab, nahm es schließlich mit auf eine Reise nach Sizilien: „Im Gepäck ein Manuskript und am Steuer meine erste und unerbittlichste Leserin – die noch nicht zufrieden war mit dem Manuskript.“

Italien ist die zweite Heimat des Ehepaars Kirchhoff, die gemeinsame Schreibschule im eigenen Haus am Gardasee legendäre Sommerbeschäftigung; das späte Romanwerk Kirchhoffs ist vom Azurblau und Weinrot des Landes durchweht. Diesmal aber begegnete ihm im süßen Sehnsuchtsland die bittere Gegenwart in Gestalt fliehender Menschen.

Von diesem Kontrast zwischen Flüchtlingskrise und Amour fou lebt nun die Novelle: Reither, ein Mann „mit täuschend warmen Augen“, der seinen Frankfurter Kleinverlag verkauft hat (in dieser Figur wiederum verneigt sich Kirchhoff augenzwinkernd vor seinem Verleger Joachim Unseld), trifft im Allgäu auf die ehemalige Hutverkäuferin Leonie Palm. In ihrem Cabrio fahren sie über den Brenner und in den Sonnenaufgang und werden unversehens zur Ersatzfamilie für ein Flüchtlingsmädchen. Aber will sie, braucht sie diese Familie?

Die Wahrheitssuche im Intimen

Europas Wir-schaffens-Drang gleicht Kirchhoff in teils konjunktivischen, verschachtelten Sätzen ab mit unseren individuellen Sehnsüchten und Verlustrechnungen. Denn hier, in der Erinnerung oder im Zukunftshoffen, sei die Liebe uns doch immer noch am nächsten, sagte Kirchhoff in einem Interview mit dieser Zeitung.

„Widerfahrnis“ ist ein kleines, elegantes Buch (womöglich gar nicht Kirchhoffs bestes); es konzentriert aber doch seine großen Themen: die Liebe, die Suche, die Wege und Abwege des Lebens, schließlich die Wahrheitssuche im Intimen.

Auf Letztere wurden seine frühen, radikalen Romane wie „Ohne Eifer, ohne Zorn“ oder „Die Einsamkeit der Haut“ gerne reduziert. Bücher, mit denen der in Hamburg geborene, aus gutbürgerlichem Haus stammende Kirchhoff sich den Ruf eines Autors der Abgründe erwarb; dass er zu Deutschlands frühen Fitnessstudio-Kunden zählte und ein Faible für teure Sportwagen hatte, trug wohl zum Image bei.

Gerade seine späten Romane – „Die Liebe in groben Zügen“ oder „Verlangen und Melancholie“ – aber verdeutlichen, wie sehr es ihm stets darum ging, dem Unterschied zwischen Begierde und Begehren literarisch beizukommen: dem, was uns (oberflächlich) treibt und dem, was uns (im Innersten) erfüllt. „Eigentlich zielt mein ganzes Werk darauf hin“, sagte er einmal, „Sprache und Sexualität zu versöhnen.“ Und wenn er dazu auf Worte zurückgreifen muss, die gar nicht im Duden stehen.