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Deutsch-polnische Kleist-Inszenierung feiert in Frankfurt Premiere

29.09.2012 | 09:09 Uhr
Foto: /Klaus-Dietmar Gabbert

"Ruhe bitte, Spokój - und Go" ruft Regisseur Johannes von Matuschka unterstützt von seiner polnischen Assistentin in drei Sprachen über die Bühne des Kleist-Forums in Frankfurt an der Oder.

Frankfurt (Oder) (dapd-lbg). "Ruhe bitte, Spokój - und Go" ruft Regisseur Johannes von Matuschka unterstützt von seiner polnischen Assistentin in drei Sprachen über die Bühne des Kleist-Forums in Frankfurt an der Oder. Dann stimmt der Kinderchor Adoramus aus der Nachbarstadt Slubice im Hintergrund polnischsprachige Klagelieder an, während sich vorne im Rampenlicht die Warschauer Schauspielerin Justyna Bielecka mit einem deutschen Kollegen einen heftigen Wortwechsel a la Romeo und Julia liefert, sie spricht dabei Polnisch, er Deutsch.

Das babylonische Sprachengewirr hat einen Grund: Matuschka übt Heinrich von Kleists 1803 erschienenes Debütstück "Die Familie Schroffenstein" erstmals in einer deutsch-polnischen Fassung ein: Die Eigenproduktion des Kleist-Forums in Kooperation mit dem Theater Gorzow (Landsberg) und der Warschauer Theaterakademie hat am 19. Oktober bei den diesjährigen Kleist-Festtagen Premiere. In der Frankfurter Inszenierung spielt sich das Beziehungsdrama zwischen einer deutschen und einer polnischen Familie ab. Dazu wurden vier deutsche und fünf polnische Schauspieler sowie Chöre aus beiden Ländern verpflichtet.

"Ich hoffe, dass diese zweisprachige Produktion deutschlandweit wahrgenommen wird", sagt Frankfurts Kulturbeigeordneter Markus Derling. Er erinnert daran, dass in der Geburtsstadt Heinrich von Kleists zwischen 2009 und 2011 drei von Laien gespielte Episoden nach dem Stück "Das Käthchen von Heilbronn" aufgeführt wurden. Bei den "Schroffensteins" seien neben Profi-Schauspielern wieder etwa 60 Chorsänger als Laien dabei. Damit werde diese Tradition fortgeführt.

Kleist-Drama musste zunächst ins Polnische übertragen werden

Für die zweisprachige Inszenierung mussten die Theatermacher um Matuschka einige Hürden nehmen wie etwa die Übertragung des Textes in die Nachbarsprache. "Es gab bisher keine polnische Übersetzung des Stoffs", sagt der Regisseur und fügt an: "Kleist in eine andere Sprache zu transportieren, ist ein wahnsinnig schwieriges Unterfangen." Daher sei eine professionelle Dolmetscherin beauftragt worden. Auch die Arbeit mit einem internationalen Schauspieler-Ensemble sei nicht unkompliziert, es gebe unterschiedliche Spielweisen in beiden Ländern. Man finde aber immer einen Weg der Verständigung.

Das sieht auch die Künstlerische Leiterin des Kleist-Forums, Petra Paschinger, so, die maßgebliche Ideengeberin für das Projekt war: "An manchen Stellen funktioniert es, ohne die Sprache zu verstehen", hat sie bei Probenbesuchen bemerkt. Für die Zuschauer solle die Zweisprachigkeit des Stücks dank eingeblendeter Übersetzung ohnehin kein Hindernis werden, ebenso wenig wie die "Prozession". Denn die Inszenierung beginnt mit einer Trauerfeier in der Marienkirche, von wo aus die Besucher dann gemächlichen Schrittes zur Fortsetzung des Dramas ins knapp einen Kilometer entfernte Kleist-Forum ziehen.

Regisseur hat polnische Assistentin an seiner Seite

"Ich konnte am Anfang kein Wort Polnisch", sagt Regisseur Matuschka. Seit Probenbeginn im August sei das etwas besser geworden. Mit den jüngeren polnischen Schauspielerin spreche er Englisch. Für die anderen habe er stets eine polnische Assistentin an der Seite, die schon an der Übersetzung des Stücks mitgearbeitet hatte und jetzt seine Anweisungen ins Polnische überträgt, damit beispielsweise die Chorkinder wissen, wo sie stehen müssen und wann ihr Einsatz kommt.

Keine Verständigungsprobleme hat Justyna Bielecka. Die 25-jährige Warschauerin, die an der dortigen Theaterakademie studiert hat, war in München geboren worden und spricht fließend Deutsch. Die Proben seien dennoch schwierig, weil sie selbst in dem Stück Polnisch, ihr Partner aber Deutsch spricht. "Wenn man in nur einer Sprache probt, geht alles fließender als hier", sagt sie. Zudem kenne sie Kleist nicht so gut, sie entdecke bei der Arbeit am Stück immer wieder Neues. "Die Arbeit ist sehr spannend, man lernt dazu", sagt Bielecka. Sie denke, dass es eine interessante Vorstellung wird.

Matuschka hat Kleist nach eigenen Angaben in Bordeaux schon in französischer Sprache inszeniert. Aus seiner internationalen Erfahrung wisse er, dass der mehrsprachige Bereich im Theater wachse, sagt er. Die Bühne werde internationaler, europäischer. Zugleich bedauert der Regisseur, dass es kaum deutsch-polnische Theaterprojekte gibt. "Wir sind Nachbarn und machen so wenig miteinander, wo doch die Brücken so nah sind", beklagt er.

(Informationen zu Inszenierung und Terminen unter

http://url.dapd.de/LXh63s )

dapd

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