Design für eine bessere Welt
09.04.2009 | 07:05 Uhr 2009-04-09T07:05:00+0200Dessau. Mehr als Quadrat und rechter Winkel: Das Bauhaus wird 90. In den wenigen Jahren seines Bestehens wurde das Bauhaus zur wichtigsten und einflussreichsten Gestaltungshochschule des 20. Jahrhunderts. Weimar feiert das Jubiläum mit einer großen Ausstellung im Neuen Museum.
Lange her, dass die Avantgarde-Architektur aus Deutschland kam. Aber noch immer sitzen Schulkinder auf Stühlen, die den modernen Klassikern nachempfunden sind, stehen in Zahnarztpraxen und coolen Wohnungen keine Plüschsofas, sondern Freischwinger, die Mart Stam, Marcel Breuer und Ludwig Mies van der Rohe entworfen haben. Auf der ganzen Welt ist die „Wagenfeld-Leuchte”, millionenfach kopiert und variiert, ein Begriff. Und noch heute ist der Name ein Türöffner, steht er doch für Modernität und deutsche Kreativität, Funktionalität und Ästhetik, für die Dreieinigkeit von einfach, schön und erschwinglich: „Bauhaus”.
Das Bauhaus, das eine schöne neue, eine bessere Welt bauen wollte, kommt vielleicht nicht von ungefähr aus Weimar, der Klassikerstadt. Hier begann alles vor 90 Jahren, als der Architekt Walter Gropius Direktor der Kunstschule Staatliches Bauhaus Weimar wurde und in die von Henry van de Velde entworfene Großherzogliche Kunstgewerbeschule zog. Zwar wurde man 1925 nach Dessau gegrault, 1933 von den Nazis verboten und ins Exil nach Chicago gezwungen, aber „Das Bauhaus kommt aus Weimar” - so heißt auch die große Jubiläumsausstellung in Weimar, der erste repräsentative Überblick über die Anfänge dieser wichtigsten Reformschule der Moderne seit langem.
Konsequent entschnörkelt
Drei Monate lang sind rund 1200 Exponate von 108 Leihgebern zu Gast. Den Besucher erwartet eine Fülle von Modellen, Gebrauchsgegenständen, Kunstwerken, mit denen die von 1919 bis 1925 in Weimar versammelte Avantgarde als Nebeneinander unterschiedlicher Haltungen und Strömungen erkennbar wird.
Das Bauhaus betrieb die konsequente Entschnörkelung der Welt, aber es war von Anfang mehr als nur Quadrat und rechter Winkel, weiße Kuben und Pfeiler. Dabei war die neue Schule zunächst dem künstlerischen und geistigen Zeitgeist näher als der streng akademischen Arbeit. Die Bauhäusler galten durchaus als „seltsames Völkchen”, wie es eine Sprechblase im begehbaren Comic-Panorama am Theaterplatz beschreibt: „In bunten Röcken, farbig wie die Stieglitze, mähnenflatternd die Männlein, die Weiblein häufig kurz geschnittenen Haarschmucks, Phantasiegewänder tragend, Spangen in den Haaren, bloße Füße, Sandalen, barhäuptig.” Cool.
Das Neue Museum vermittelt anhand zahlreicher Einzelstücke Einblicke in die Bauhaus-Werkstätten. Was dort einst entstand, gehört längst zu den Klassikern des modernen Designs und ist heute lieb und -teuer: die Max-Bill-Uhr natürlich, aber auch die Kinderwiege von Peter Keler, Türklinken von Adolf Meyer oder Marianne Brandts genialische Teekanne. All diese Stücke sollten immer mehr sein als nur schick: Sie sollten die Welt verbessern, dahinter steckte der Glaube, das Design könne das Bewusstsein bestimmen.
Lust am Experiment
Ein Raum ist dem Belgier Henry van de Velde gewidmet. Ein Plakat von 1919 für einen Bauhaus-Vortrag über „Unser Spiel - unser Fest - unsere Arbeit” ist thematisches Motto im Schiller-Museum. Dort werden die Lust am Experiment und an Geselligkeit ebenso deutlich wie die Suche nach neuen Räumen und Inhalten für das Theater. Unter den mit Marionetten und Figuren vorgestellten Bühnenwerken ist auch das berühmte „Triadische Ballett” von Oskar Schlemmer, das zur Bauhauswoche 1923 aufgeführt wurde.
Als eine opulente Schau der klassischen Moderne erweist sich die Auswahl von Meisterwerken der freien Kunst von Bauhaus-Meistern im Goethe-Nationalmuseum. Namen wie Lyonel Feininger, Gerhard Marcks, Wassily Kandinsky oder László Moholy-Nagy stehen für neue Ausdrucksweisen in Malerei und Grafik. Wobei laut Gropius die Architektur „das Endziel aller bildnerischen Tätigkeit” zu sein hatte. Dennoch verdankt sich der Ruhm der Bauhäusler weniger den nach der reinen Lehre günstig produzierten, minimalistischen streng funktionalistischen Produkten für die Massen, als durchaus teuren Einzelwerken, Schmuck- und Wohnstücken für gut Betuchte und - Künstler. Ja, die Villen Esters/Lange in Krefeld, die klugen und todschicken Meisterhäuser, die Gropius für seine Kollegen und sich selbst in ein Dessauer Kiefernwäldchen baute - das ist Bauhaus.
Aber Bauhaus ist auch die einst gefeierte, heute elende Gropiusstadt in Westberlin, sind auch hastig hochgezogene, gesichtslose Stadtviertel und standardisierte Massenbauten von Chicago bis Castrop-Rauxel, große, anonyme Wohnwürfel ohne Schick und Charme an sozialen Brennpunkten. Sie machen anschaulich, wie eine gute und menschenfreundliche Idee pervertiert wird, wenn aus günstig billig wird, wenn Machthaber und minderbegabte Epigonen ihr Individualität und Phantasie austreiben, und wenn eine Bewegung versucht, total zu werden und zur Massenbeglückung ansetzt. Vom Bauhaus kann man lernen - so oder so. (NRZ/epd/ddp)