Der Zoff der harmlosen Zofen in den Bochumer Kammerspielen
14.02.2010 | 18:45 Uhr 2010-02-14T18:45:00+0100
Bochum.Zwei dralle Muttchen wie aus einer Bergbausiedlung früherer Tage. Doch nicht von liebenswürdiger Fürsorge ist ihr Gemüt bestimmt, sondern von aggressiver Geltungssucht und der Hassliebe zueinander: Jean Genets „Die Zofen” haben sich in der überraschenden Inszenierung von Ulf Stengl in den Bochumer Kammerspielen zu missgünstigen Matronen gewandelt, deren Rollenspiele weniger ein Spiegelkabinett vor der Absurdität des Lebens bilden als die Last eines eintönigen Alltags beschwören.
So ist es denn auch kein Schlafzimmer im Louis-XV-Stil, in dem Claire und Solange die Herrin nachzuäffen versuchen, um sich als etwas Besseres fühlen zu können, sondern ein Wohnraum von eher gesichtsloser Modernität. Eleganz, die Genets Zofen eigentlich eingeschrieben ist, geht den beiden älteren Frauen im altmodischen Großtantenlook vollständig ab. Vielmehr bewegen sie sich behäbig und unbeholfen, sich belauernd, bekämpfend, dann wieder einander zärtlich zugeneigt.
Mimisch meisterhaft
Wie Regisseur Stengl vorab wissen ließ, wollte er „Die Zofen“ einmal nicht in einem kündbaren Dienstverhältnis zur Herrin zeigen; der latente Zündstoff entstehe vielmehr durch familiäre Bande. Standesunterschiede hätten heute nicht mehr die Brisanz wie während der Uraufführung des Stücks in den 40er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Stengl sieht in den Zofen zwei ältere Schwestern, die zerfressen werden vom Neid auf die jüngere Anverwandte, die das Leben genießen kann, während sie in der Wohnung versauern müssen. Eine Deutung, die der schwarzen Messe, dem lebensgefährlichen Ritual von Genet jeden Symbolismus austreibt, die dramatische Fallhöhe merklich verringert und ihr nur noch den Reiz einer schrägen Psychologie belässt.
Imogen Kogge als bauernschlaue Claire und Manuela Alphons in der Rolle der gelegentlich begriffsstutzigen Solange – beide unter Schminke und dicken Körperpolstern kaum zu erkennen – verlieren folgerichtig bei ihren sprunghaften Gedankenspielen nie die Bodenhaftung. Der Kampf um die Vorherrschaft in dieser korpulenten Zweierbeziehung ist bis ins feinste Augenzwinkern ausgefeilt, schauspielerisch eine Meisterleistung, was jedoch nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass das Regiekonzept nur maßvoll aufgeht.
Da die Gier nach sozialem Aufstieg als Antriebsfeder für die Zofen gestrichen ist, hätte sie durch einen anderen Sehnsuchtsort ersetzt werden müssen. Doch Evamaria Salcher bleibt als Madame trotz fesch-modischem Outfit zu blass und alltäglich, um die verschrobenen Gelüste der beleibten Damen im Küchenmief glaubhaft zu machen.
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