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„Der Vorleser” - Eine Liebe mit Nachspiel

07.02.2009 | 09:09 Uhr
„Der Vorleser” - Eine Liebe mit Nachspiel

Berlin. In seinem Berlinale-Beitrag „Der Vorleser” schildert Regisseur Stephen Daldry die ungewöhnliche Beziehung zwischen Hanna (Kate Winslet) und Michael (David Kross). Ein Drama über Moral, Scham - und deutsche Geschichte.

Wohl eher durch Zufall hat Kate Winslet in letzter Zeit ein paar Rollen gespielt, in denen sie gelegentlich nackt und bloß agieren musste.

Hanna (Kate Winslet) und Michael (David Kross) in "Der Vorleser". Foto: ddp

Für Teile der Presse ist sie damit offensichtlich bereits als verkappte Exhibitionistin abgestempelt. Diesen Eindruck konnte man gewinnen, als man die Oscar-Favoritin jetzt bei der Pressekonferenz anlässlich ihres neuen Films „Der Vorleser” auf der Berlinale erlebte. Nein, antwortete die resolute Engländerin da auf eine dieser indiskreten Fragen, sie habe keinen verstärkten Spaß an solchen Rollen. Es sei einfach ein Teil ihres Jobs, und sie werde sich da nicht beirren lassen. Kritiken liest sie nicht, bunte Klatschpresse schon gar nicht, so etwas komme ihr gar nicht erst ins Haus.

Glamour ist denn auch nicht gerade die erste Vokabel, die einem bei Kate Winslet einfällt. Privat ist sie eher eine unscheinbare Frau, die allerdings bereit ist, für jeden Regisseur neue, überzeugende Figuren zu erschaffen.

Wenn etwas von der Begegnung im Pressekonferenzraum in Erinnerung bleibt, dann ihr herzhaftes Lachen. Das erklingt am lautesten, wenn man fragt, wie es denn gewesen sei, mit einem so jungen Partner wie dem Deutschen David Kross Sexszenen zu spielen.

Die Sommerliebe als angeklagte KZ-Aufseherin

Nach dem ersten Tag der Bettakrobatik sei da wohl jede anfängliche Scheu bei ihrem Partner gewichen, sei alles „extrem professionell” abgelaufen. Bei David, der direkt neben ihr sitzt, erkennt man derweil eine zarte Röte auf den Wangen. Kross spielt in der Verfilmung des einstigen Bestsellers von Bernhard Schlink den 16-jährigen Michael, der 1958 von der mehr als doppelt so alten Hanna verführt wird.

Einmal von ihrem Körper gekostet, wird der Jüngling zum Süchtigen, der seiner Angebeteten vor- und nachher aus Büchern vorlesen muss. Acht Jahre später, als Jurastudent, trifft Michael seine Sommerliebe wieder – als angeklagte KZ-Aufseherin, die an der Selektion von Juden beteiligt war und nun für Mord in 300 Fällen lebenslänglich hinter Gitter muss.

Zwischen Scham und Schuldbewusstsein

Liest sich Schlinks Buch noch als Geschichte Michaels, so verschieben Drehbuchautor David Hare und Regisseur Stephen Daldry den Fokus auf Hanna. Kate Winslets überraschte, ratlose Blicke sind es, die den Film hauptsächlich bestimmen. Man spürt, dass sich hier jemand sichtlich Mühe gibt, den Balance-Akt zwischen Scham und langsam sich einstellendem Schuldbewusstsein auszudrücken. Aus Schlinks Versuch, die Gemüts- und Gewissenslage im Nachkriegsdeutschland zu beschreiben, wird so das Drama einer letztlich immer sympathischer werdenden Täterin.

Damit man auch spürt, dass es sich für Michael um eine Liebesgeschichte mit Nachhall fürs Leben gehandelt hat, ist Ralph Fiennes als gealterter Michael zuständig. Keiner kann wie er Gefühlsverletzte spielen, kann bei Großaufnahmen mit wehen, feuchten Blicken die innere Zerrissenheit derart tragisch widerspiegeln, dass es einem als Zuschauer schon fast zu viel wird.

Als Autor habe man seine eigenen Bilder im Kopf, erklärte Bernhard Schlink in Berlin, der Film zeige andere, mit denen er jedoch auch einverstanden sei. Vor allem aber zeigt er wohl den Willen der Macher, mit akzentuierter Dramatik aus dem „Vorleser” sicheres Oscar-Material zu schnitzen.

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Arnold Hohmann

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