Der verlegene Grammy-König

Washington..  Natürlich hätte sie ihn ratzfatz von der Bühne singen können. Aber Mary J. Blidge weiß, was sich gehört, wenn man bei den Grammys mit dem pausbäckig-verlegenen Star des Abends zu duettieren hat. Noch dazu dessen Super-Hit. Darum lieh die schwarze R & B-Diva bei „Stay With Me“ ihr außerordentliches Gesangsorgan der hellhäutigen Hauptperson aus dem Vereinigten Königreich nur auf Sparflamme. Sam Smith, erst 22 und vor zwei Jahren noch völlig unbekannt, drückte wie weiland die wunderbare Adele, ebenfalls great und aus Britain, der Leistungsshow des amerikanischen Musikgewerbes seinen Stempel auf. Vier goldene Grammophone - bester neuer Künstler, bestes Lied, bestes Pop-Gesangsalbum („In the Lonely Hour“), beste Aufnahme des Jahres – stellten im Staples Center von Los Angeles alles in den Schatten.

„An Beyoncé abgeben“

Wäre nicht der verhuschte Pop-Collagen-König David Campbell Beck alias „Beck“ gewesen, um sich 23 Jahre nach „Loser“ für „Morning Phase“ die Meriten für das beste Album des Jahres abzuholen, Smiths Durchmarsch hätte die Dimension des Unheimlichen erreicht. Und Kanye West wahrscheinlich wirklich den Abend sprengen lassen. Der selbstgefälligste Großsprecher unter den Großsprechern des Hip-Hop war kurz davor, wie einst bei Taylor Swift vor laufender Kamera die Preisübergabe an Herrn Beck zu unterbrechen. Weil er dessen esoterisch-folkiges Gesumme für vergleichsweise wenig auszeichnungswürdig hält. „Er sollte die Kunst respektieren“, sagte West später ernsthaft einem Trallafitti-Sender, „und seinen Preis an Beyoncé abgeben.“

Die zuckerglasierte Über-Frau der Branche bekam drei Grammys (etwa für „Drunk in Love“), ebenso wie der oberste „Happy“-Macher Pharrell Williams. Nur nicht in Kategorien, die als sonderlich renommiert gelten.

Nachdem die australischen Schwermetaller von AC/DC mit erdigem Uralt-Material („Highway To Hell“) das Eis gebrochen hatten, ging alles erwartungsgemäß seinen Gang. Moderator LL Cool J, wieder mit Schlägermütze und Oberkellner-Sakko, übertrug die erste von 83 Preisvergaben an Taylor Swift. Die wiederum bediente herzallerliebst Sam Smith, den Mann des Abends. Aus dessen Anzugkragen verlautete verlegen: „Oh, mein Gott!“ Erst später taute die männliche Version von Norah Jones etwas auf und erzählte sympathisch davon, dass er früher alles versucht habe, um mit seinen aufs Gemüt zielenden Soul-Balladen gehört zu werden. „Sogar abgenommen habe ich. Aber erst als ich zur mir selbst fand, begann die Musik zu fließen.“

Rätsel und schönste Momente

Was man der mit dreieinhalb Stunden ermüdend langen Grammy-Show nicht nachrufen kann. Was Madonna mit ihrem Beitrag zwischen Matadorinnen-Getue und Erweckungs-Gottesdienst zum Ausdruck bringen wollte, erschloss sich bis auf den Refrain nicht wirklich: Leben für die Liebe. Unter den traditionell gewagten Live-Kooperationen dürfte einzig Annie Lennox‘ fulminanter Beitrag zu „Hoziers“ kirchenschiffschaukeligem „Take Me to Church“ in Erinnerung bleiben. Ebenso die weltmeisterlich besetzte Band, die dem rothaarigen Britpopper Ed Sheeran zuarbeitete: John Mayer (Gitarre), Herbie Hancock (Piano) und Questlove (Schlagzeug). Dass Alt-Beatle Paul McCartney (72) bei „Four Five Seconds“ Rihanna und Kanye West mit Gitarrenschrummelei und Gesang sekundierte, fiel wegen Unhörbarkeit nicht weiter auf.

Zu den schönsten Momenten des Abends darf (neben Stevie Wonder und Jamie Foxx alias Ray Charles, die sich – zwinkernd – blind verstanden) der Auftritt des ganz in Plastik-Orange gewandeten Prince gezählt werden. Mochte Präsident Obama per Video-Konserve auch zuvor ausgiebig Gewalt gegen Frauen verdammen – dem hymnisch verehrten dünnen Männchen reichte ein einziger Satz, um im rassenkonfliktgeladenen Amerika politisch zu werden: „Plattenalben zählen immer noch. Genauso wie Schwarze und Bücher.“