Der Tag danach
19.07.2010 | 18:16 Uhr 2010-07-19T18:16:00+0200
An Rhein und Ruhr.Die Biertische sind weg, der Müll beseitigt, über den Asphalt rollt der Verkehr wieder Stoßstange an Stoßstange. War da eigentlich irgendetwas am Wochenende auf der A 40?
Viertel nach sieben, es ist Frühstückszeit in Duisburg-Duissern. Auf dem Stehtisch warten zwei Brötchen, verzehrt zu werden. Eins mit Zwiebelmett und eins mit Schinken. Es ist noch ruhig, meine Augenlider hängen auf Halbmast. Plötzlich fliegt die Tür auf. Und mir fast der Pott Kaffee aus der Hand. „Moooorgeeeeen!“ Eine Frau, so um die 50, betritt die Bäckerei. Gut möglich, dass sie Erna Kasuppke heißt. Bestimmt sogar, solch laute Personen hören oftmals auf jenen oder zumindest ähnlich klingenden Namen. „Warsse auch auffe Bahn, beim Still-Leben?“, fragt sie die Verkäuferin. Diese nickt freundlich, verdreht aber unbemerkt von der Kundin die Augen. Ich wische mir die Brötchenkrümel aus dem Mundwinkel. „Das andere bitte einpacken.“ Zu früh für gute Laune und Diskussionen. Gerade, wenn’s jetzt auf die A 40, die Pulsader des Potts, geht: Duisburg – Dortmund – Duisburg am Tag danach.
Und alles
glänzt picobello
Das Still-Leben auf der Autobahn, es hat so viele Menschen bewegt. Drei Millionen sollen es gewesen sein, die sich zu Fuß oder auf Rädern über den Ruhrschnellweg haben treiben lassen, das Ruhrgebiet und – ja, das natürlich auch – sich selbst gefeiert haben. Voll war’s, bunt war’s, laut manchmal auch, aber auf jeden Fall unvergesslich. Auch wenn schon am Montag auf dem Asphalt kaum noch festzustellen war, was sich zuvor auf den 60 Kilometern abgespielt hat.
Seit gut zwei Stunden rollen Autos wieder über die A 40. Die Auffahrt am Kreuz Kaiserberg glänzt picobello. So sauber war’s hier noch nie. Auf den Wiesen links und rechts keine leeren Flaschen, keine Zigarettenschachteln, keine zerknüllten Tüten der Burgerbratereien. An einer Brücke bei Styrum steht’s ja auch angeschlagen: „Ich bin so grün“. Stimmt, die jeweiligen Wirtschaftsbetriebe haben alle Spuren beseitigt. Nur in Mülheim, vor dem Rhein-Ruhr-Zentrum, liegen als letzte Zeugen noch ein paar Scherben und alle 20 Meter zusammengefegtes Laub.
„Ach wat, so’n Schachsinn! Braucht doch kein Mensch“
Essen-Frohnhausen, eine dunkle Häuserzeile direkt hinter der Lärmschutzwand, an der Fassade kleben Satellitenschüsseln, wer hier seine Wäsche zum Lüften heraushängt, bekommt sie durch die Abgase graugefärbt zurück. Aus der Haustüre tritt ein kleiner, gedrungener Mann. „War wunderbar“, sagt er mit stark rollendem R. Die Nachbarin kommt vorbei, sie will einkaufen gehen, eine Plastiktüte hält sie schon mal in ihrer Hand bereit. Ob das Still-Leben wiederholt werden soll? „Ja, gerne“, sagt der Mann. „Ach wat, so’n Schwachsinn! Braucht doch kein Mensch“, keift die alte Dame zurück. Es wird Zeit weiterzufahren.
Nur zäh geht’s durch den Tunnel unter der Essener Innenstadt, vor Kray läuft der Verkehr wieder. Sogar so gut, dass alle vor dem Starenkasten auf die Geschwindigkeit achten müssen. Den Fahrer eines Audis auf der linken Spur scheinen die vielen Bremslichter nicht zu irritieren. Zumindest, bis es plötzlich links von ihm rot blitzt – pfung. Aha, ein Kölner Kennzeichen, „de Ausländer“ würde der Ruhrpottler wohl sagen.
Bochum zu passieren, ist eine Qual. Bis Stahlhausen heißt es: Stoßstange an Stoßstange. Der Motor motzt – ich auch. Wenigstens ist die Bahn vor Dortmund endlich fertig ausgebaut. Nach knapp anderthalb Stunden Fahrzeit ist das BVB-Stadion in Sicht. Als hier noch gebaut wurde, war man von Duisburg aus mindestens zwei Stunden unterwegs, um die Borussia zu sehen. Aber jetzt war ja auch Berufsverkehr.
Das Still-Leben
hat ein Nachleben
Also zurück nach Duisburg, wieder durch die enge Baustelle. Da war es am Sonntag bestimmt angenehmer, sich durch die Menschenmassen zu quetschen, als jetzt auf der verengten Fahrspur auf der einen Seite die Leitplanke und auf der einen Seite einen Sattelschlepper zu haben, dessen Anhänger permanent ausschlägt. Aber alles fährt gut. Kurzer Zwischenstopp in Essen, hier werden nun die Tische und Bänke, an denen am Sonntag gespeist , geklönt, gefeiert wurde, verkauft. Ira Aufderheide spannt eine Garnitur auf dem Dachgepäckträger ihres Autos fest. „Es war ein tolles Erlebnis“, sagt die noch immer begeisterte Mülheimerin. So wie viele andere auch, die zum Parkplatz an der Messe gekommen sind. Manche nehmen gar zehn oder 15 Biertische mit. Das Still-Leben, es hat ein Nachleben in vielen Gärten. Ich habe keinen Garten.
Die letzten Kilometer nach Duisburg. Im Radio gibt’s die Staumeldungen: „A 40, Essen Richtung Duisburg. Zwischen Essen-Huttrop und Mülheim-Heißen fünf Kilometer Stau“ heißt es. Also wieder stehen und warten.
Ein Tag wie immer auf der A 40.
07:47
Liest dich gut. Ich schätze aber, der Verfasser kommt aus Oberammergau. Oder vielleicht Flensburg?