Der Stoff, aus dem Strumpfträume sind

Schmallenberg..  Frauen, die bei Falke in Schmallenberg arbeiten, tragen Strumpfhosen nicht nur, damit sie ihnen Glanz und Wärme verleihen. Einige von ihnen sind Testträgerinnen: Kratzt der Stoff am Bein? Zwickt der Bund am Bauch? Sie bewerten die dünnen Strümpfe, bevor sie im großen Stil gestrickt werden. Damit sich andere Frauen später nicht quälen: Warum kratzt der Stoff am Bein? Wieso zwickt der Bund am Bauch?

Für den perfekten Stoff stellt Harald Schlageter in der „Strickerei Fein“ bei Falke die Maschinen ein. Eine Strickmaschine ist etwa so groß wie eine Kühl-Gefrierkombi. Der Produktentwickler erklärt: Das Garn läuft oben runter „von den Spulen über die Fadenleitorgane zum Fadenführer und zu den Stricksystemen . . .“ Es ist so kompliziert wie es klingt. Bei solch feinen Strümpfen sind rund 400 Nadeln im Einsatz – etwa 200 mehr als in der Socken-Abteilung. Jede dieser feinen Nadeln bewegt sich so schnell, dass man das Stricken mit dem bloßen Auge nicht erkennen kann. „2400 Mal in der Minute“, sagt Schlageter.

Anfangs sind alle Strümpfe weiß

Nach zwei Minuten, bei stark gemusterten auch schon mal nach sieben, landet in einem Korb das gestrickte Strumpfbein – eine weiße Hülle mit Öffnungen oben und unten. Zu diesem Zeitpunkt ist der Rohling schwer als das zu erkennen, was er einmal sein wird: eines der weiblichsten Kleidungsstücke überhaupt.

Der Stoff aus dem die Strumpfträume sind, entwickelte Wallace Hume Carothers 1935 für die Chemiefirma DuPont in den USA. Mitte Mai 1940, vor 75 Jahren, brachte die Firma die ersten Nylons in Nordamerika auf den Markt: Das waren je zwei Strümpfe mit Naht, die die Frau mit Bändern am Hüfthalter befestigte. (Erst mit dem Minirock entdeckte sie die Strumpfhose.) In Westdeutschland erfand Paul Schlack für die IG Farben in Berlin 1938 eine chemisch ähnliche Kunststofffaser: Perlon. Zusammen mit Nylon zählt es zu der Gruppe der Polyamide. Das Familienunternehmen Falke, das heute über 3000 Mitarbeiter hat und in der vierten Generation geleitet wird, übernahm 1958 die zehn Jahre zuvor gegründeten „Feinstrumpfwerke Uhli“ und erschloss sich so den Markt für das zarte Gewebe.

Da liegen sie nun, die weißen Beine. In den Körben der „Strickerei Fein“. Erst später in der Färberei werden sie schwarz oder hautfarben. „So können wir schneller auf die Mode reagieren, welche Farbe gerade im Trend ist“, sagt Schlageter, während er ein Bein langzieht, um die Maschen zu kontrollieren. Je nach Garnmenge ist der Stoff entsprechend durchsichtig. Auf der Verpackung zeigt auch heute noch die Angabe „den“, wie dünn der Strumpf ist. „den“ steht für die alte französische Gewichtseinheit „Denier“. Je mehr Denier eine Strumpfhose hat, desto blickdichter ist sie. „den“ gibt an, wie viel Gramm 9000 Meter des Garns wiegen: 20 den bedeuten also, dass 9000 Meter des Garns 20 Gramm leicht sind.

Die Kunstfaser ist daher auch so dünn wie ein Haar. Heute wird sie mit Elastan gemischt, um sie dehnbarer zu machen. Schlageter zieht einen Faden ähnlich wie ein Gummiband auseinander, während die Strumpfrohlinge in die Körbe fallen. Die gestrickten Beine wandern in die nächste Abteilung, in die Näherei. Eine Maschine näht die Fußspitzen rund ab. Eine andere schneidet die Beine seitlich auf, an einem Rollmesser, das, – wie der Name schon sagt – wie ein rundes Messer durch das Garn rollt. „Ich schneide 1300 Paar am Tag auf“, sagt Näherin Anne Kemper. An einer Nähmaschine werden zwei Beine zusammengenäht und die Naht verriegelt, damit sie nicht wieder aufribbelt. Schließlich wird noch das Hosenteil mit einem Stoffstück verstärkt, dem sogenannten Zwickel.

In der Färberei kommen die Strumpfhosen in Stoffbeutel und werden in einer sehr großen Waschmaschine gewaschen. Wie bei den Geräten daheim gibt es auch hier Fächer für Waschmittel – oder für die Farbe. Norbert Heidenreich mischt sie zuvor an. „Giftige Farbstoffe werden nicht verarbeitet“, versichert der Textillaborant. Aber wehe, ein Milligramm von einem Farbstoff kommt zu viel in die Mischung, dann ist die ganze Farbe hin.

Im Sauerland – oder an einem der anderen Produktionsorte in Serbien, der Slowakei oder in Chemnitz – wird die Strumpfhose verpackt. Doch zuvor kommt sie noch in die „Formerei“. In zig Fußgrößen und Beinlängen hängen dort Aluplatten, über die die noch knitterigen Strumpfhosen gezogen werden.

Die Laufmasche lief und lief

50 Jahre lang hat Klaus Rickert in der Qualitätssicherung bei Falke gearbeitet. Heute führt er durch das Unternehmen. Der Rentner erinnert sich an ein Modell mit Strasssteinen: „Das hat an die 200 Euro gekostet.“ Eine Laufmasche in diesem edlen Nylon wäre da genauso ärgerlich, wie einst bei den ersten Paaren in Deutschland, als frau die Feinstrümpfe noch mit Handschuhen am Bein hochzog. Blieb der Stoff hängen, war die Kunststopferin die Heldin des Feinstrumpfs. Sie nahm die Laufmasche wieder auf und verhinderte, dass sie lief und lief. Schließlich kostete das Paar in den 60ern rund zehn Mark.

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