Das aktuelle Wetter NRW 22°C
Literaturarchive

Der staubige Olymp

16.01.2012 | 16:42 Uhr
Der staubige Olymp
Hubert Winkels. Foto: Ulla Emig

Essen.   Literarische Archive bewahren ein kulturelles Gedächtnis – und wirken heute stärker denn je in die Gegenwart hinein, sagt Literaturkritiker Hubert WInkels.

Was bleibt von einem Autorenleben? Bücher, sicherlich. Aber auch: Zettel, Notizen, Briefe, Unfertiges. Über die Bedeutung des Archivs sprach Literaturkritiker Hubert Winkels mit Britta Heidemann – und verriet, wie Archive das Dasein eines Schriftstellers bereits zu Lebzeiten bereichern können.

Wir leben in der Gegenwart, wozu brauchen wir Archive?

Sie haben die Funktion, ein kollektives Gedächtnis zu stiften und zu sichern. In den letzten Jahrzehnten, spätestens nach dem Krieg, sind sie aber auch Akteure auf dem Markt der Bestimmung der Gegenwart geworden. Archive sind heute starke kulturelle Institutionen, dieses Graue, Ärmelschonerhafte, das ihnen anhaftete, das verliert sich.

Wie ist es dazu gekommen?

Ein wichtiger Grund könnte sein, dass die Ordnungsfunktionen weitgehend versagen. Eine solche Ordnungsfunktion wäre zum Beispiel die Kritik oder auch der bildungsbürgerliche Kanon: Jeder weiß, was er zu lesen hat, um in der bürgerlichen Gesellschaft ein vollwertiges Mitglied zu sein. Das wäre das Ideal. Aber ich glaube, das hat sich verloren. Daran sind viele Prozesse beteiligt. Die Archive übernehmen heute zum Teil diese Ordnungsfunktionen und wirken in die gegenwärtige literarische Landschaft hinein. Ein Beispiel: Der Nachlass des Dichters Thomas Kling, der 2005 starb, ist heute bereits komplett ausgewertet. Mit dem Nachlassmaterial hat zum Beispiel das letzte Schreibheft gearbeitet, er wird überall kommuniziert, teilweise abgedruckt.

In einem Punkt würde ich gerne nachhaken: Sie glauben also, auch die Literaturkritik hat ihre einordnende Rolle verloren?

Ich glaube schon, dass es einen Bedeutungswandel und – verlust gibt und dass das Publikum, das sich daran orientiert, sich verändert. Die Verrisskultur, die ja das klassische Mittel ist um etwas zu unterscheiden, die gibt es heute so schon nicht mehr. Der Trend geht eher hin zur Empfehlung, zum Tipp. In den elektronischen Medien macht sich zudem eine ganz eigene Form der Genre-Spezifizierung breit, da gibt es dann im Internet Krimi- oder Fantasy-Seiten.

Wer entscheidet eigentlich, wessen Nachlass nun für die Nachwelt von Interesse ist? Und nach welchen Kriterien?

Da beißt sich die Katze natürlich in den Schwanz. De facto entscheidet das der Archivleiter. Aber woher nimmt er die Kriterien? Erst mal muss ja eine Bedeutung erzeugt worden sein. Das geschieht über den Verlag, die Kritik, den Markt. Daran sind also wieder alle diejenigen beteiligt, von denen ich eben gesagt habe, dass ihnen das Archiv etwas abnimmt. Das ist ja alles aufs Engste verwoben; doch glaube ich, dass in diesem Zusammenwirken das Archiv heute eine stärkere Position hat.

Als Juror des Bachmann-Preises haben Sie viel Kontakt zum literarischen Nachwuchs. Denken junge Autoren überhaupt ans eigene Archiv, scheint das nicht vermessen?

Naja, man ist ja nicht 25 und wird mit Marbach in Verbindung gebracht. Andererseits, wenn man Durs Grünbein ist, kann das natürlich schon sehr früh geschehen. Der ist eine Archivalie, literarisch, bevor er sein 40. Lebensjahr erreicht hat. Das ist natürlich auch ein Handicap, man wird dadurch ja auch quasi eingesargt. Und doch haben viele sicherlich schon in der Selbstmotivation beim Werden des Schriftstellers diese Idee, teilzunehmen an einem kulturellen Vermächtnis. Unsere Kultur nährt die ja auch. Schriftsteller bekommen ja heute eine extreme Bedeutungszuweisung. Allein diese ganze Preise. Aber um für ein Archiv interessant zu werden, muss man schon irgendwo angekommen sein. Bei Daniel Kehlmann, da werden vielleicht schon die ersten Überlegungen laufen, wollen Sie nicht Ihre Sachen hier bei uns und so weiter…

Ist das heute üblich, dass Schriftsteller noch zu Lebzeiten ihren Nachlass ans Archiv geben?

Zum Teil finanzieren sich Autoren sogar darüber, handeln für ihre Vorlässe große Summen aus. Peter Handke zum Beispiel, der hat mit zwei Archiven gleichzeitig verhandelt, dem Österreichischen Nationalbibliothek und Marbach, das hat ihn in eine besonders starke Position gebracht. Viele Autoren versuchen das heute, ich könnte Ihnen da viele Beispiele nennen. Es kommt da regelmäßig zu Verwerfungen, weil die Autoren und die Archive sich nicht einig werden. Da ist bei vielen Autoren noch so eine besondere Form der Eitelkeit im Spiel: Der Vorschuss auf die Ewigkeit, den das Archiv symbolisch gewährt, wird verstärkt dadurch, dass er sich in Euro ausdrückt. Das sind so ganz komplizierte Mischprozesse, wo das Archiv aus der Autorenperspektive so etwas Mythisches bekommt.

Hat ein Autor Ihrer Meinung nach das Recht, der Nachwelt seinen Nachlass zu verweigern?

Das gab es ja, tausendfach sogar – wenn die Autoren noch zu Lebzeiten große Teile ihres Werks selbst vernichteten, weil sie sagen, das waren Jugendsünden. In den meisten Fällen erfahren Sie ja so etwas gar nicht. Es sei denn, etwas ist mal sehr früh publiziert worden. Der interessante Fall ist ja, wie eine Nachwelt reagiert, die darüber entscheiden kann, weil es einen Nachlass gibt – den der verstorbene Autor aber nicht veröffentlicht sehen wollte. Meine Tendenz geht dahin zu sagen: Nein, der Autor hat nicht das Recht. Wenn er sich als Künstler in diesen öffentlichen Bedeutungsraum hineinbegibt, dann wird das, was er publiziert hat, Teil eines größeren Körpers, der nicht mehr der eigene Künstlerkörper ist.

Wie soll man eigentlich Dinge aufbewahren, die im Internet erschienen sind, die getwittert wurden oder auf Facebook gepostet?

Was die Archivare empfehlen, ist ganz einfach: ausdrucken und aufheben.

Wie gehen Sie persönlich mit Material um, das im Prinzip für Archive geeignet wäre, beispielsweise Korrespondenzen mit Schriftstellern?

Das ist zwiespältig. Manchmal kommt einem so ein Gedanke, leg das doch jetzt mal gesondert ab… Dann kommt einem das aber auch wieder auf eine komische Weise eitel vor. Aber wegwerfen kann man das dann auch nicht, weil man spürt, das ist jetzt möglicherweise ein Zeugnis von irgendetwas. Das führt bei mir dazu, dass ich den einfachsten Weg gewählt habe: Ich verwahre die Sachen in den Büchern der Autoren, Briefe oder Emails, die ich ausdrucke. Wenn Sie bei der hundertsten Email sind, geht das natürlich nicht mehr. Aber da ich wahnsinnig viele Bücher habe, habe ich da jeden Überblick verloren. Ich lebe in einer explodierenden Bibliothek, das werden an die 50 000 Bände sein.

Britta Heidemann

Facebook
 
Kommentare
Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/6252352/create

Aktuelle Fotos und Videos
Das 10. Rock Hard
Bildgalerie
Festival
Tanzhommage an Queen
Bildgalerie
Kultur Pur 2012
Musiker im ESC Finale
Bildgalerie
ESC 2012
Tanz-Queen Magdalena Brzeska
Bildgalerie
Let's Dance
Aus dem Ressort
Künstler wirft der Documenta-Leitung Zensur vor
Ausstellung
Streit um die Documenta in Kassel: Die evangelische Kirche wollte zur Documenta-Zeit vor einer Kirche ebenfalls Kunst zeigen. Dagegen wehrte sich die Documenta-Leitung - und muss sich nun den Vorwurf gefallen lassen, Zensur zu betreiben.
Türkischem Pianisten Fazil Say droht Haft wegen Tweet
Regierungskritiker
Dem bekanntem türkischen Pianisten Fazil Say drohen eineinhalb Jahre Haft. Say soll auf Twitter den Islam beleidigt haben. Die türkische Justiz ermittelt wegen des Verdachts auf Volksverhetzung. Say hat auch eine Verbindung nach NRW.