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Literatur

Der Sog der Ferne

18.02.2013 | 17:34 Uhr
Der Sog der Ferne
Am Ende aber doch unglaubwürdig: Linus Reichlins Roman "Kriegsbraut" über den Protagnonisten und Kriegsreporter Moritz Martens.Foto: AP

Schriftsteller Linus Reichlin schreibt im neuen Roman „Das Leuchten in der Ferne“ über einen deutschen Kriegsreporter, der in Afghanistan Taliban-Kämpfern in die Hände fällt.

Einst war er ein „viel gelesener“ Kriegsreporter. Heute sitzt der 53-jährige Moritz Martens auf einem Berliner Bürgeramt, „weil er versagt hatte“: In der Medienkrise wollen die Magazine Martens Reportagen nicht mehr drucken. Diesen Journalisten in der Talsohle des Lebens schickt Autor Linus Reichlin in die hohen Berge Afghanistans – und stürzt ihn von dort in Abgründe, die sich Martens in seinem Allerweltsschmerz nicht vorstellen konnte.

Seit Jahren schon wird Deutschland am Hindukusch verteidigt, doch hat sich die deutsche Schreiber-Elite dem Genre des Afghanistan-Romans bisher verweigert. In Erinnerung blieb allein Dirk Kurbjuweit: Im Roman „Kriegsbraut“ begleitete er eine Soldatin zum Auslandseinsatz, eine Romanze mit einem afghanischen Schulleiter inklusive – gut gemeint, am Ende aber doch unglaubwürdig.

Rettung vor der Kitsch-Falle

Nun wagt sich Linus Reichlin vor: ein gebürtiger Schweizer, der seit langem in Berlin lebt, Essayist, gefeierter Krimi-Autor, bekannt für wendungsreiche Plots und psychologisches Gespür. Beides nutzt er auch diesmal. Sein geschickt gewählter Protagonist bewahrt ihn in aller Abgeklärtheit vor der Kitsch-Falle: Martens war in Ruanda, im Irak, er hat mit Mördern gesprochen, Sterbende gesehen, Leichen.

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Zudem weiß er um die Gefahren, die diese Kriegsbilder für ihn darstellen: „Das Schreckliche nahm für sich in Anspruch, das einzig Bedeutsame zu sein.“ Wenn er nun auf dem Bürgeramt Miriam Khalili kennenlernt, wenn sie ihm von einer Story erzählt, die seiner Karriere Schub geben könnte: Dann durchschaut er sich selbst im Wunsch, dem „bedeutungslosen“ Alltag zu entkommen – und Miriams Lügengeschichte zu glauben.

Geseilnahme, Familienfehde und Glaubensregeln

Miriam und Martens kommen sich näher und reisen in die Ferne, nach Feyzabad. Dort gelangen sie zu einer Gruppe Taliban-Kämpfer. Es entwickelt sich ein Drama um Geiselnahme und Lösegeld, um Familienfehden und Glaubensregeln, in das Miriam tiefer verstrickt ist, als Martens ahnen konnte.

Reichlin vermisst kunstvoll die tiefen Gräben zwischen zwei Kulturen, lässt den verweichlichten, rundlichen Weinliebhaber Martens die Härte afghanischen Gerölls spüren, die Kälte der Nächte. Am Ende aber findet er eine überraschende Gemeinsamkeit: den „verlockenden Sog in die Ferne“, der Männer von ihrer Heimat, ihrer Familie, den lähmenden Wiederholungen des Alltags fortzieht – afghanische Kämpfer ebenso wie deutsche Soldaten. Oder Kriegsreporter.

Linus Reichlin: Das Leuchten in der Ferne. Galiani, 304 Seiten, 19,99 €

Britta Heidemann



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