Der schöne Klang des Widerspruchs

90 Jahre Pierre Boulez: Eine Biografie, in der sich nahezu alle Wider­sprüche der Musik der letzten Jahrzehnte spiegeln. In ihm vereinigt sich der bahnbrechende Komponist, der weltberühmte Dirigent, der kluge und scharf­züngige Essayist mit dem Organisator, dessen Pariser Musikinstitut „Ircam“ Al­ternativen zum museal erstarrten Musikbetrieb bot.

„Schönberg ist tot“. Mit dieser These machte sich Boulez schnell zum Außenseiter einer von Adorno geprägten Szene. In einem Interview mit dem „Spiegel“ bezeichnete er zudem die Sprengung der Opernhäuser als teuersten, aber elegantesten Weg, dem traditionellen Opernbetrieb Beine zu machen.

Die Scheu vor Erstarrung bestimmt Boulez’ Denken und musi­kalisches Handeln. Als Dirigent scheint er das Orchester betont unspektakulär mit den Fingern zu führen, was ihm den Vorwurf intellektueller Kühle einbrachte. Ein unberechtigtes Klischee, denn die stets aufrüttelnden Auftritte des Ingenieurs-Sohns aus Montbri­son lassen niemanden kalt, und das gelingt ihm selbst mit 90.