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Literatur

Der rote Faden des Lebens

02.02.2012 | 15:46 Uhr
Der rote Faden des Lebens
Milena Michiko Flašar Foto: Sebastian Koth

Die japanisch-österreichische Autorin Milena Michiko Flašar schreibt über die Unmöglichkeit, nicht verwickelt zu werden

Bis zu 350 000 Japaner, meist jung und männlich, haben sich Schätzungen zufolge auf unbestimmte Zeit von der Welt verabschiedet: eingeschlossen in ihr Zimmer, versorgt von ihrer Familie, die die beschämende Existenz dieses „Hikikomori“ in ihrer Mitte meist zu verbergen sucht. Welcher Druck, welches Trauma bewegt einen Menschen zu einem solch radikalen Rückzug?

Autorin Milena Michiko Flašar, 1980 in St. Pölten geboren als Tochter einer Japanerin und eines Österreichers, schaut nun ins Herz eines dieser In-Sich-Eingeschlossenen. Taguchi Hiro ist zwanzig Jahre alt, nichts fürchtet er mehr, als als andere Menschen: „Jemandem zu begegnen bedeutet, sich zu verwickeln. Es wird ein unsichtbarer Faden geknüpft. Von Mensch zu Mensch. Lauter Fäden. Kreuz und quer.“ Er aber möchte auf kein anderes Leben Einfluss haben, seine Existenz soll ganz und gar wirkungslos bleiben.

Und doch: Als wir ihm begegnen, verlässt Taguchi Hiro zum ersten Mal seit zwei Jahren sein Jugendzimmer. Und schon beginnen die gefürchteten Verwicklungen. Von Parkbank zu Parkbank lernt er einen „Salaryman“ kennen, der dort ebenfalls seine Tage verbringt – weil seine Frau nicht wissen soll, dass er arbeitslos ist. Der junge Hikikomori und der 58-jährige Arbeitslose Ohara Tetsu nähern sich an und offenbaren sich gegenseitig die entscheidenden Momente ihres Versagens. Taguchi Hiro kannte ja einst ein Mädchen, Yukiko, sie war wie „von einem Stern gefallen“ und band als Symbol ihrer Freundschaft einen roten Faden an den Ast eines Baumes . Und doch leugnete er diese Freundschaft, als es darauf ankam. Und Ohara Tetsu hatte einst einen Sohn, den er nicht lieben konnte – weil er behindert war.

Milena Michiko Flašar schreibt in poetischen, kurzen Sätzen, die wie Glasmurmeln in ihrem Innern noch einen andersfarbigen, schillernden Kern haben. Natürlich bewegt sich, wer eine so einfache, elementare Geschichte wagt und am Kern des Menschseins rührt, hart am Rande des Kitsches. Die Autorin aber besitzt ein wunderbares Gespür für Dosierung und Rhythmus; die kompositorische Strenge des Romans dient als Gerüst, das auch große Gefühle trägt. Und wenn Hiro zuletzt erkennt, dass selbst sein Rückzug eine Wirkung auf die Welt hat, indem er auch seine Eltern zu Gefangenen ihres Schicksal machte – dann ist dieses Ende zugleich ein tröstlicher Anfang.

Milena Michiko Flašar: Ich nannte ihn Krawatte. Wagenbach, 144 S., 16,90 €

Britta Heidemann

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