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Dieter Hildebrandt

Der Narr spricht wahr

14.07.2008 | 17:46 Uhr
Der Narr spricht wahr

"Nie wieder achtzig!” heißt sein aktuelles Buch – und Dieter Hildebrandt hat sein Versprechen bereits eingelöst: Inzwischen 81-jährig wird der „Gottvater des politischen Kabaretts” (Sandra Maischberger) demnächst wieder aus seinem Werk lesen. freizeit sprach mit dem scharfzüngigen Beobachter.

Herr Hildebrandt, Sie wurden schon als „Gewissen der Nation”, „Johannes Heesters des Kabaretts”, „moralische Instanz” und „schwer erziehbarer Nestkacker” bezeichnet – was davon trifft zu?

Hildebrandt: Hm, das gefällt mir alles nicht. Das ist entweder zu hoch oder zu niedrig bewertet. Hätten Sie vielleicht noch was anderes im Angebot?

Wie wäre es mit „staatlich anerkannter Hofnarr”?

Info
Der Altmeister live:

21.10. Oberhausen (Ebertbad)

22.10. Essen (Grillo-Theater, Karten: 0201/8122200)

6.11. Velbert (Forum Niederberg, „Vorsicht Klassik”, 02051/2658281)

9.12. Dortmund (Konzerthaus, „O du Fröhliche”, Karten für ca. 17-44 €: 0231/22696200)

27.2.09 Witten (Werkstatt)

26.5.09 Bottrop (Prisma).

Falls nicht anders angegeben, sind die Karten (ca. 20-30 €) im TICKET-SHOP erhältlich, unter 01805/280123 oder www.DerWesten.de/tickets

Hildebrandt: Nun ja, der Narr sagt oft die Wahrheit. Und er lebt gefährlich, weil er seinen Kopf bei schlechter Laune des Hofherren schnell verlieren kann. Für einen Kabarettisten wäre das also ein Kompliment.

Dank der Fernseh-Aufzeichnungen von der „Münchner Lach- und Schießgesellschaft” (seit 1957) gehörten Sie zum frühesten TV-Inventar, zusammen mit Willy Millowitsch, dem Ohnsorg-Theater...

Hildebrandt: ...und vergessen Sie „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht” bitte nicht!

Stimmt. Verstehen Sie die Vereinnahmung durchs Publikum auch als Kompliment – oder müsste man als Kabarettist nicht unbequemer sein?

Hildebrandt: Och, ich weiß nicht. Unser Vorteil war damals, dass es nur einen Fernsehkanal gab – die Leute mussten uns aushalten und waren auch gar nicht in der Lage, wegzuschalten. Fernbedienungen waren überflüssig. Deshalb hatten wir auch eine Riesen-Einschaltquote.

Sie haben Ihr Publikum sehr früh auch persönlich kennengelernt: Sie waren Platzanweiser im Kabarett.

Hildebrandt: Ja, das waren hervorragende Jahre. Ich bin dann oft gefragt worden, ob man nicht anständige Plätze in der „Lach- und Schießgesellschaft” bekommen könnte. Darauf habe ich geantwortet: „Ach Gott, wir haben hier leider keinen einzigen anständigen Platz!” Dadurch waren die Gäste zwar ein wenig eingeschüchtert – aber gelacht haben sie trotzdem.

Harald Schmidt hat einmal sinngemäß gesagt, dass man als politischer Kabarettist nur Menschen erreicht, die ohnehin die gleiche Meinung haben. Hat er recht?

Hildebrandt: Nein, da irrt Harald Schmidt. Ich habe in all den Jahren auch schon sehr vielen Gegnern gegenübergesessen. Die haben ihre Meinung zwar nicht direkt geändert, mussten aber unfreiwillig lachen. Das ist an solchenAbenden der eigentliche Witz.

Apropos: Sie bezeichnen sich selber als „Klamottier” mit einem großen Herzen für Kalauer. Wie kommt's, dass Sie keinen Witz erzählen können?

Hildebrandt: Na, wer behauptet denn so etwas?

Sie selber.

Hildebrandt: Nein nein, ich will nur nicht. Ich kann schon – wenn ich gezwungen werde.

Dann zwingen wir Sie jetzt.

Hildebrandt: (lacht) Also gut, ein jüdischer Witz, von Robert Neumann: Treffen sich zwei Männer, sagt der eine: „Was schaust du so grämelig?” Sagt der andere: „Ach, meine Frau, die red' und red' und red'.” – „Ja, und was sagt sie denn?” – „Das sagt sie nicht.”

Ein schöner Beziehungs-Witz ist das. In Ihren Programmen kommt Zwischenmenschliches allerdings eher seltener vor – andere Künstler füllen damit ganze Stadien...

Hildebrandt: Ja, das gönne ich denen. Ich muss aber nicht noch unentwegt betonen, dass Mann und Frau unterschiedliche Geschlechter sind – das ist normales Wissen. Für Zoten und Unterleibsgeschichten habe ich einfach keinen Sinn.

Sie haben mal gesagt: „Ich bin schüchtern und gehe aus Notwehr auf die Bühne”. Ist das wahr oder doch nur kokett?

Hildebrandt: Nein, das stimmt. Sonst wäre es in der Tat kokett. Wenn ich nicht auf eine Bühne gehen könnte, müsste ich wohl zum Psychiater.

Von Robert Lembke stammt der Satz „Altern ist kein Vergnügen – aber denken wir an die einzige Alternative!” Sie sind jetzt 81 Jahre alt. Denken Sie über den Tod nach?

Hildebrandt: Ja, und ich erwarte ihn mit großer Gelassenheit.

Carsten Dilly

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