Der mit den Körpern schreibt

Düsseldorf..  Was wäre aus Jan Martens geworden, wenn er nicht zum Tanz und zur Choreografie gefunden hätte? „Eigentlich kann ich mir das gar nicht vorstellen“, sagt er. „Vielleicht wäre ich Dozent an der Universität geworden. Ich habe angefangen, Englisch und Niederländisch zu studieren. Ich mag Sprache. Außerdem kann ich gut organisieren.“ Es ist gar nicht unwahrscheinlich, dass Martens diesen Lebensweg eingeschlagen hätte. Denn er ist ein Spätberufener. Eher beiläufig fand er als junger Mann den Weg auf die Bühne. Mit 17 Jahren bewarb er sich bei der Fontys-Tanzakademie in den Niederlanden, nachdem er ein Stück des belgischen Choreografen Jan Fabre gesehen hatte.

Was dort auf der Bühne passierte, faszinierte ihn dermaßen, dass er sich entschloss, Tanz zu studieren. Es klappte mit der Aufnahmeprüfung. „Ich bin ein Junge. Als Junge ist es einfacher, einen Platz zu bekommen“, erklärt er. Seine choreografische Arbeit entwickelte sich langsam von wenige Minuten dauernden Duetts bis zu größeren Stücken. Nach seinem Studium trat er 2009 als Tänzer in die Kompanie von Ann van den Broek in den Niederlanden ein. Sie ermutigte ihn, ein eigenes Stück zu choreografieren. So entstand mit einem kleinen Budget von 2000 Euro und fünf Tanzstudenten im letzten Ausbildungsjahr das Stück „I Can Ride a Horse Whilst Juggling So Marry Me“ (Ich kann ein Pferd reiten, während ich jongliere, also heirate mich). Das war sein erstes abendfüllendes Stück.

2011 entstanden unter Mithilfe des Frascati-Theaters in Amsterdam die beiden Stücke „A Small Guide On How To Treat Your Lifetime Companion“ und „Sweat Baby Sweat“. Im ersten Stück steht Martens selbst auf der Bühne und spielt mit seiner Tanzpartnerin auf nur vier Quadratmetern fünf Episoden einer Liebesbeziehung nach. Es sind fünf Schlüsselmomente, dabei wird die Scheidung des Paares schon in der ersten Szene vorweggenommen. In „Sweat Baby Sweat“ geht es auch um eine Liebesbeziehung. „Oft ist es so, dass Paare zusammenbleiben, weil keiner von beiden alleine sein will“, sagt Martens. Und so stellt er eine Beziehung im wahrsten Sinne des Wortes als Kraftakt dar. In den ersten fünf Minuten des Stücks berührt die Tänzerin den Boden nicht. „Das Gewicht von zwei Körpern liegt auf zwei Beinen.“ Die Bewegungen sind extrem langsam, die Anspannung ist den Tänzern anzusehen. Neben der Verlangsamung von Bewegung ist auch Wiederholung ein Stilmittel, mit dem Martens arbeitet.

So wird dieselbe Bewegung aus unterschiedlichen Perspektiven für den Zuschauer wiederholt. „Das hat etwas Meditatives“, sagt er. „Ich möchte den Zuschauern Platz für Betrachtung und Emotion geben. Sie sollen über ihre eigenen Beziehungen nachdenken.“ Martens möchte nicht, dass seine Tänzer wie Maschinen irgendwelche Bewegungen nachtanzen. Er möchte keine abstrakte, avantgardistischen Choreografien machen.

„Ich möchte etwas schaffen, was das Publikum berührt.“ Seine Arbeit gleiche der eines Autors. Er erfinde Geschichten. „Ich schreibe mit Körpern“, sagt er. Seine beiden letzten Choreografien hat das Tanzhaus NRW ins Programm aufgenommen. Seit vergangenem Jahr arbeitet Martens als fester Choreograf für das Tanzhaus. Die Intendantin Bettina Masuch hat ihn als „Factory Artist“ nach Düsseldorf geholt. Sie hat ihn vor zwei Jahren beim Berliner Festival „Tanz im August“ kennengelernt. Das Stück „Common people“, das Martens in Kooperation mit dem Tanzhaus realisiert, wird erst im Juni 2016 Premiere haben.

Martens arbeitet für das neue Stück auch mit zehn Laientänzerinnen aus Düsseldorf zusammen. Vor allem die finanzielle Unterstützung und den unentgeltlichen Zugang zu Probenräumen schätzt er. „Ich habe hier ein zweites Zuhause gefunden“, sagt er.