Das aktuelle Wetter NRW 22°C
Literatur

Der Makel heißt Mensch

06.02.2012 | 11:20 Uhr
Der Makel heißt Mensch
T.C Boyle. Foto: Getty Images

Literarischer Tierschutz am Puls der Zeit: Der neue Roman von T. C. Boyle erscheint auf Deutsch – „Wenn das Schlachten vorbei ist“

Es geht um Leben und Tod. Es geht um die Schildgrille, den Tüpfelskunk, den Insel-Graufuchs, die Hirschmaus. Sie leben auf der kleinen Insel Anacapa vor der kalifornischen Küste – und werden ausgerottet von Ratten, die durch einen Schiffbruch an Land kamen. Während auf der Nachbarinsel Santa Cruz die Weißkopfseeadler bedroht werden durch eine große Schweinepopulation, einem unglücklichen Knoten in der Nahrungskette sei Dank. Hausschweine, von Menschenhand gebracht!

Naturschützer wollen die Ratten und die Schweine nun töten; Öko-Aktivisten kämpfen gegen den Plan – jedes Leben zählt. Von einer Schlacht ums Schlachten handelt der neue Roman von T.C. Boyle. Und größer als die Verwunderung darüber, dass Naturschutz und Öko-Aktivismus nicht zwangsläufig dasselbe meint und will, ist nur das Erstaunen über ein so abseitiges Thema. Die nördlichen Santa-Barbara-Inseln, also bitte.

Das ist ungefähr so, als würde man einen Roman schreiben über einen britischen Entdecker im Nigeria des 19. Jahrhunderts, über einen manischen Sex-Forscher oder über Hippies in Alaska! Tatsächlich gehören „Wassermusik“, „Dr. Sex“ und „Drop City“ zu den Glanzlichtern im Werk Boyles. Das Abseitige steht bei ihm immer auch für etwas Elementares. Und die Frage, wie der Mensch mit der Natur und ihren Tieren umgeht, ist für den überzeugten Vegetarier eine sehr, sehr elementare.

Die Tragik liegt darin, dass alle Protagonisten nur Gutes wollen. Die junge Naturschützerin Alma Boyd Takesue soll mit offiziellem Auftrag das Ökosystem der Inseln wiederherstellen. Sie sieht Systeme, nicht Individuen. Ist das falsch? Einmal überfährt sie ein Eichhörnchen. Sie tröstet sich, dass „dieses Tier in seinem Lebensraum weit verbreitet ist“, während es bei dem Meeting, zu dem sie es so eilig hatte, „um das Schicksal zahlreicher Spezies“ geht.

Ihr Gegenspieler heißt Dave LaJoy, ein impulsiver, unbeherrschter Aktivist: „Ich werde erst wieder höflich sein, wenn das Schlachten vorbei ist“, sagt er einmal zu Alma. Als auch er einen Tod zu verantworten hat, macht ihn das vor allem wütend: Bei einer Aktion auf einer der Inseln stürzt eine Studentin, wie ungeschickt!, in einen Canyon – und ertrinkt.

Wie überhaupt alle Toten in diesem Roman, und es sind gar nicht so wenige, im Wasser sterben: dem Element, aus dem alles Leben einst kam.

Den sich über mehrere Jahre hinziehenden Plot unterbricht Boyle mit Episoden aus den Familiengeschichten der Beteiligten. Sie dienen, da sie gepflastert sind mit so spektakulären wie tödlichen Boots- und Tauchunfällen rund um die Inseln, einerseits der Spannung. Andererseits gelingt Boyle hier die historische Verankerung des Konflikts: So wuchs etwa LaJoys Freundin Anise auf Santa Cruz auf und erlebte mit, warum die Schaf- und Schweinezüchter ihre Tiere zurücklassen mussten: weil die Besitzer die Inseln an Hobbyjäger vermieten wollten.

Blutige Kausalketten

Recht eigentlich ist Boyles Roman, der keine rückhaltlose Solidarisierung mit dem einen oder der anderen zulässt, eine Studie über Ursache und Wirkung. Es genügt ja ein einziger Gewehrschuss, um über 70 Lämmer zu töten. Ein Schuss, in die Luft gefeuert. Der die Mutterschafe in Panik weglaufen lässt, den Raben den Weg frei macht auf wehrlose Lämmer – hier liegt die blutige Kausalkette ja offen zutage: „Die dünnen Beinchen zuckten noch“, heißt es, „die Augenhöhlen waren blutig und leer, aus den Bäuchen hingen die bläulichen Eingeweide.“ T. C. Boyle hat einen apokalyptischen Roman geschrieben, der uns wenig Hoffnung lässt: Letztlich scheint jede menschliche Regung auf diesem Planeten von Schuld begleitet.

T. C. Boyle: Wenn das Schlachten vorbei ist. Hanser Verlag, 464 S., 22,90 €

Britta Heidemann

Facebook
 
Kommentare
Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/6320876/create

Aktuelle Fotos und Videos
Das 10. Rock Hard
Bildgalerie
Festival
Tanzhommage an Queen
Bildgalerie
Kultur Pur 2012
Musiker im ESC Finale
Bildgalerie
ESC 2012
Tanz-Queen Magdalena Brzeska
Bildgalerie
Let's Dance
Aus dem Ressort
Künstler wirft der Documenta-Leitung Zensur vor
Ausstellung
Streit um die Documenta in Kassel: Die evangelische Kirche wollte zur Documenta-Zeit vor einer Kirche ebenfalls Kunst zeigen. Dagegen wehrte sich die Documenta-Leitung - und muss sich nun den Vorwurf gefallen lassen, Zensur zu betreiben.
Türkischem Pianisten Fazil Say droht Haft wegen Tweet
Regierungskritiker
Dem bekanntem türkischen Pianisten Fazil Say drohen eineinhalb Jahre Haft. Say soll auf Twitter den Islam beleidigt haben. Die türkische Justiz ermittelt wegen des Verdachts auf Volksverhetzung. Say hat auch eine Verbindung nach NRW.