Der große Tenor Nicolai Gedda wird 90 Jahre alt

Nicolai Gedda zählt zu den besten und vielseitigsten lyrischen Tenören des 20. Jahrhunderts.
Nicolai Gedda zählt zu den besten und vielseitigsten lyrischen Tenören des 20. Jahrhunderts.
Foto: picture alliance / dpa
Was wir bereits wissen
Nicolai Gedda ist einer der großen Tenöre der Nachkriegszeit. Über 50 Jahre stand er auf der Bühne, aber nie verlor er die Bodenhaftung.

Essen.. Die Sopranistin Elisabeth Söder­ström hat über Schweden gesagt: „Unser größter Exportartikel ist Holz. Dann etwas, das ich vergessen habe. Und drittens Singstimmen!“ Nicolai Gedda, der am Samstag 90 Jahre alt wurde, ist der letzte dieser Garde, deren Exportschlager von Birgit Nilsson bis Jussi Björling reichten. Zu gratulieren ist einem der großen Tenöre der Nachkriegszeit. Als Domingo, Pavarotti und Carreras noch im Sandkasten sangen, war Gedda mit Alfredo Kraus und Carlo Bergonzi einer jener drei Tenöre, die die Bühnen (nicht die Stadien) der Welt mitrissen.

Dem Menschen Gedda war das Elektrisieren opernsüchtiger Massen nicht in die Wiege gelegt. Dass er weder Charismatiker noch Womanizer war, wusste er allzu gut. Er selbst hat Späße darüber gemacht, wie schwer es ist, als Frauenheld hohe Cs abzuschießen, wenn man ausschaut wie ein Bankbeamter. Er war ja auch einer. Für Kunst reichte das Geld nicht, Arbeit bot eine Bank in Stockholm. Aber ein Kunde meinte es gut, Gedda erhielt Unterricht, verblüffte seine Lehrer – nicht nur mit der Mühelosigkeit jener hohen Ds des „Postillons von Lonjumeau“.

Ein paar Jahre später telegrafiert EMI-Produzent Walter Legge: „Habe soeben den größten Mozart-Sänger meines Lebens gehört. Name ist Nicolai Gedda.“ Ein Adressat war Karajan. Die Karriere war da, und sie blieb lange, denn Gedda, den Wolfgang Wagner so gern auch in Bayreuth gehabt hätte, kannte seine Grenzen. Demut hatte ihn auch eine schwere Kindheit gelehrt. Er war das uneheliche Kind einer Serviererin. Erst als der Erfolg kam, meldete sich der Vater, prahlte mit ihm, „das war bitter.“

Unverwechselbare Stimme

Wie alle großen Stimmen ist auch Nicolai Geddas unverwechselbar – ob er Mozarts Don Ottavio klagen ließ, als Don José Carmens Blume besang oder in Bachs Passionen und Verdis Requiem die Abgründe und Verheißungen einer anderen Welt durchmaß. Sein Tenor besaß Noblesse, enorme Nuancen, schmeichelnde Schönheit, reflektierte Poesie, perfekt durchformt statt naturburschig. Das prädestinierte ihn für Französisches, für Gounod oder Massenet.

Über 50 Jahre stand er auf der Bühne, hatte herrliche Anekdoten im Gepäck – schonungslos, nicht garstig. Wie er mit der Caballe in „Traviata“ sang: sie so dick, dass er ständig vom Bett rutschte. „Montserrat merkte gar nichts. Sie ist eine wunderbare Musikerin, aber sie mag — glaube ich – gerne Kuchen.“ Man hätte gern mehr gehört, wir hatten ein Interview erbeten. Aber Gedda, mit seiner dritten Frau am Genfer See lebend, möchte nicht mehr. Es passt zu einem stillen Star.