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Der Gärtner Jean-Jacques Rousseau

26.06.2012 | 18:24 Uhr
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Der Gärtner Jean-Jacques Rousseau
Die Pappelinsel von Ermenonville

Essen.  Der Philosoph Jean-Jacques Rousseau, dessen Geburtstag sich am 28. Juni zum 300. Mal jährt, gilt auch als Ahnherr des europäischen Landschaftsparks. Bestattet wurde er auf der Pappelinsel von Ermenonville, wo er die letzten Jahre seines Lebens verbrachte.

Sie ist das Sinnbild melancholischer Naturstimmung: die Insel mit dem Pappelrondell, in dessen Mitte ein einzelner Sarkophag die stille Szenerie beherrscht. Oft wurde das Motiv aus natursentimentaler Weltsicht nachgeahmt: Varianten finden sich im Berliner Tiergarten, in Zürich, im polnischen Arkadia und in den Parkauen von Wörlitz. Konjunktur hatte das Inselmotiv, weil mit ihm zugleich dem Ahnherrn aller wahren Naturbegeisterung gedacht wurde. Der große Jean-Jacques Rousseau nämlich war auf der „Insel der Pappeln“ im Park von Ermenonville, 45 Kilometer nordöstlich von Paris, im Jahre 1778 zu Grabe getragen worden, von seinem Gastgeber, dem Marquis von Girardin höchstpersönlich. Bis Oktober 1794 blieb die Insel die Ruhestätte Rousseaus, bis man die sterblichen Überreste im Triumphzug ins Pariser Pantheon überführte.

Die Natur im Urzustand

Bis zu seinem 300. Geburtstag am Donnerstag sind Rousseaus Thesen von einem heilen, von der Zivilisation unberührten Naturzustand lebendig, gefeiert wird ein ebenso umstrittener wie gerühmter Philosoph, der ein Großmeister der Selbstgerechtigkeit wie der Selbstentblößung war, ein einflussreicher Denker, in Erziehungsfragen segensreich für die einen und verheerend für die anderen.

Einem anderen Menschen als dem Philosophen aber begegnet man in Rousseaus handfesteren botanischen Arbeiten. In seinen Botanischen Lehrbriefen propagiert er das eifrige Studium der Natur als eine für jedes Alter vorteilhafte Beschäftigung, „die dem Aufbrausen der Leidenschaft zuvorkommt und der Seele zugleich eine nützliche Nahrung gibt.“ Man kann Rousseaus Analysen der Pflanzenwelt, von der Lilie bis zur Distel (unlängst wieder in dem Band „Botanisieren mit Jean-Jacques Rousseau“) als eine der ersten populären Einführungen in die Botanik bezeichnen. Um kein trockenes Systematisieren ging es ihm, Rousseaus botanische Pädagogik betont ganz aufklärerisch das genaue Wahrnehmen, das anschauliche Studium in der freien Natur.

Träumereien eines einsamen Spaziergängers

Im Park von Ermenonville nördlich von Paris, den Girardin im Sinne Rousseaus naturnah anlegen und mit mehreren sinnfälligen Parkbauten, unter anderem einem halb verfallenen Philosophentempel ausstatten ließ (getreu der Beschreibung, die Rousseau im Liebesroman „Julie oder die neue Heloise“ formuliert hatte), hatte Rousseau die letzten Wochen seines Lebens verbracht. Hier schrieb er an seinem Alterswerk, den Träumereien eines einsamen Spaziergängers, machte im Morgengrauen einen täglichen Parkspaziergang und sammelte Pflanzen.

Das Herbarisieren, das Sammeln, Trocknen, Pressen der Pflanzen, blieb bis zuletzt Rousseau liebste Tätigkeit, mehr aus ästhetischen denn aus wissenschaftlichen Gründen. Rousseau, ein Ahnherr des europäischen Landschaftsparks und ein Protagonist der Botanik als schöner Wissenschaft - gute Gründe für einen Besuch in Ermenonville.

Botanisieren mit Jean-Jacques Rousseau. Hg. von Ruth Schneeball-Graf. Ott Verlag, 160 S., 27 Euro.

Frank Maier-Solgk

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