Der „Dicke“ ist zurück in Peking

Peking..  Ins Ausland darf Ai Weiwei nicht. Die chinesischen Behörden händigen ihm keinen Pass aus. Wenn der politische Aktions- und Konzeptkünstler sein Atelier im Pekinger Stadtteil Chaochangdi im Nordosten der 20-Millionen-Metropole verlässt, kann er sicher sein, dass Sicherheitskräfte ihm auf Schritt und Tritt folgen. Wenn er nun erstmals seit mehr als vier Jahren die Möglichkeit hat, in seiner Heimatstadt wieder Werke zu zeigen, muss sich der regimekritische Künstler politisch entsprechend zurücknehmen. Doch tut er das wirklich?

Die Ausstellung im berühmten Pekinger Szenebezirk 798 heißt „Ai Weiwei“, ein ehemaliges Fabrikgelände, das Ai mit anderen Künstlern in den 90er-Jahren zum Künstlerviertel hergerichtet hatte. Zu sehen ist eine rund 400 Jahre alte Ahnenhalle aus Chinas ländlich geprägter Südostprovinz Jiangxi. Ai hat mit seinem Team das hölzerne Bauwerk in 1500 Einzelteile zerlegt, nach Peking verfrachten lassen und wieder aufgebaut.

Ungewöhnlich: Das Kunstwerk ist auf zwei Galerien aufgeteilt. In der „Galleria Continua“ ist die eine Hälfte zu sehen, die andere steht im Tang Contemporary Art Center daneben. Es gibt keinen Durchgang, auch keine Hinweisschilder, die auf die Fortsetzung hinweisen.

Zumindest die Behörden erkennen an dem rekonstruierten Holzgebäude anscheinend nichts Subversives. Dabei findet sich in diesem Werk eine hochpolitische Anspielung. Wer Ai Weiwei kennt, weiß: Er thematisiert in seinen Werken nicht nur Menschenrechtsverletzungen, Umweltverschmutzung und Behördenwillkür. Er kritisiert die blinde Zerstörungswut und die gängige Praxis, historische Bauten niederzureißen.

Darin sieht er auch ein Symbol für das soziale Gefüge, das der Kommunismus ebenfalls niedergerissen hat. Ai: „Die alte Ordnung ist über mehrere tausend Jahre entstanden. Rational oder nicht, es handelt sich um ein integriertes System, das wir Zivilisation nennen.“ Einmal ausgerissen, dauere es Jahrzehnte, bis wieder etwas nachwachse – das gilt aus seiner Sicht sowohl für die Bäume, aus denen das Haus bestand, wie für den zwischenmenschlichen Zusammenhalt.

Auf seiner bislang größten Schau vor einem Jahr im Berliner Martin-Gropius-Bau hatte er acht 2000 Jahre alte Vasen aus der Hang-Dynastie mit metallisch glänzendem Autolack überzogen – eine Anspielung auf die geringe Wertschätzung in seinem Land gegenüber traditionellen Werken. Dieses Muster findet sich auch bei der Ahnenhalle.

Diese Anspielung scheint den Behörden entgangen zu sein. Möglich ist aber auch, dass sie ihn bewusst gewähren lassen. Das Kunstwerk ist nicht die einzige Ausstellung, die Ai Weiwei in diesen Tagen in Peking zeigen darf. Nur einige Hundert Meter weiter hat Ai vor zwei Wochen in der Pekinger Galerie Chamber eine weitere, wenn auch deutlich kleinere Einzelausstellung eröffnet. Vergangene Woche folgte eine weitere.

Während Ai in seinem Pekinger Studio Werke seitdem für weltweit mehrere Dutzend Ausstellungen kreierte, war er in seiner Heimat eine Persona non grata. Vielleicht haben die Behörden erkannt, wie absurd dieser Widerspruch ist.

Geduldet, nicht rehabilitiert

Ist Ai Weiwei damit rehabilitiert? Bislang nicht. Offiziell haben sie Ai die Ausstellung auch nicht genehmigt. Sie wird nur geduldet. Den eigentlich anvisierten Eröffnungstag, der für Ende Mai vorgesehen war, hatten sie ihm untersagt. Wenige Tage vor dem Jahrestag des Massakers auf dem Tiananmen-Platz war die Furcht wohl zu groß, dass der Künstler bei der Vernissage womöglich eine Anspielung auf die Niederschlagung von Chinas Demokratiebewegung wagen würde.

Und doch: Seit zwei Wochen ist Ai Weiweis Ausstellung für jeden Pekinger öffentlich zugänglich. Und auch die Staatsmedien erwähnen ihn. Es handelt sich um seine erste Einzelausstellung in seinem Heimatland überhaupt. Chinas Regime lockert die Leine, an der es Ai gehalten hat – zumindest vorerst.