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Der Bilderbuch-Intellektuelle: Zum Tod von Umberto Eco

21.02.2016 | 17:12 Uhr
Umberto Eco im September 2015.Foto: imago stock&people

Bilderbuch-Intellektueller mit Lust am Grenzgang. Umberto Eco, („Der Name der Rose“) ist tot. Abschied von einem streitlustigen Denker.

Umberto Eco hatte diese gesunde Portion Selbstüberschätzung, die selbst ein Bilderbuch-Intellektueller wie er braucht, um es mit Macht-Tieren wie Silvio Berlusconi aufzunehmen. Und kurz nachdem Eco damit gedroht hatte auszuwandern, wenn Berlusconi weiter regieren durfte, begann der Abstieg des Cavaliere. Vielleicht hatte der 1932 im norditalienischen Alessandria geborene Eco auch einfach einen siebten Sinn für den richtigen Zeitpunkt.

Artikel, Essays und Interviews

Seinen ersten Roman „Der Name der Rose“, schrieb er erst in der Lebensmitte, als mittlerweile festangestellter Semiotik-Professor der Universität Mailand, auf der Suche nach neuen Herausforderungen und für eine Auflage von 4000 Exemplaren. Am Ende wurden es weltweit 50 Millionen, auch, weil man es nicht mehr gewohnt war, mit staunenswertem Wissen gesättigte Geschichten aus der Geschichte der Menschheit auf atemstockende und zugleich intelligente Art erzählt zu bekommen. Mit seinem Erscheinen 1982 in Deutschland sanierte Ecos Roman den für Nobelpreisträger und schmale Auflagen bekannten Hanser Verlag auf Jahrzehnte und löste eine Welle von historischen Romanen aus, die das Genre neu belebte und bis heute anhält.

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Der italienische Schriftsteller, Philosoph und SprachwissenschaftlerUmberto Eco ist am Freitag im Alter von 84 Jahren gestorben.

Eco schrieb weitere Romane, irrwitzige, geschichtsversessene wie „Das Foucaultsche Pendel“ (den er für seinen besten hielt) oder „Der Friedhof von Prag“ und zuletzt mit „Nullnummer“ einen politischen Krimi über das für Berlusconis Aufstieg so entscheidende Jahr 1992, in dem die Mafia ihre Verfolger ermordete und die italienischen Christdemokraten im Korruptionssumpf versanken.

Als mindestens so wichtiger Teil seines Lebenswerks müssen jedoch Tausende von Artikeln, Essays und Interviews gelten, mit denen sich der erfrischend provokations- und streitlustige Denker Eco einmischte in große Debatten, politische Entwicklungen, gesellschaftliche Großströmungen auf den Feldern Moral und Denken. In seinen Essay-Bänden finden Heine und Montesquieu einen würdigen Nachfolger, der aus Details wie Tischmanieren oder Tapetenmustern die großen Fragen der Zeit herauslesen konnte.

Auch dies tat er stets mit jener Portion Witz, die sein Schreiben und Reden trotz erdrückender Wissensfülle und argumentativer Hochrüstung als eine Sache des Esprits daherkommen ließ. Das hat ihm neben zahllosen Auszeichnungen, Preisen wie Orden, stets auch die Zuneigung seiner Leser gesichert, in deren Schutz er auch Gewagtes vorbringen konnte. Sie haben, ganz Europa hat in Umberto Eco, der am Freitagabend mit 84 Jahren gestorben ist, einen großen Freund verloren.

Jens Dirksen

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Der Bilderbuch-Intellektuelle: Zum Tod von Umberto Eco
Der Bilderbuch-Intellektuelle: Zum Tod von Umberto Eco
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2016-02-21 17:12
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