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Interview

Der Autor glücklicher Kinderträume

18.11.2011 | 16:50 Uhr
Der Autor glücklicher Kinderträume
Max Kruses Urmel zwischen weiteren Stars der Augsburger Puppenkiste Lukas (l.), der Lokomotivfuehrer, und Jim Knopf von Michael Ende. Die Autoren Kruse und Ende waren auch freundschaftlich miteinander verbunden. Foto: dapd

Essen.   Max Kruse, Autor von berühmten Geschichten der Augsburger Puppenkiste, wie „Der Löwe ist los“ und „Urmel aus dem Eis“, feiert nun seinen 90. Geburstag. Im Interview erzählt er von seinem Leben, seinem Werk und von seine Mutter, der Puppenkünstlerin Käthe Kruse.

Urmel – allein der Name lässt Augen leuchten, schließlich steht dieses Wesen aus der Urzeit für eine glückliche Kinderzeit. Urmels Vater wird am Samstag, 19. November, 90 Jahre alt. Mit Max Kruse sprach Maren Schürmann über seine berühmte Mutter, die Puppenkünstlerin Käthe Kruse, seine Kindheit und den Verlust an menschlicher Wärme.

Lieber Herr Kruse, Im Vorgespräch hatten Sie mich darum gebeten, nicht nur über Urmel zu reden . . .

Kruse: Es ist schon so viel darüber gesprochen worden, dass da fast nichts mehr zu sagen ist. Aber natürlich bin ich der Urmel-Autor. Ich habe auch sehr nette Begegnungen mit Leuten, die mit meinen Kinderbüchern groß geworden sind. Allein hier in meinem Ort in Oberbayern habe ich drei Ärzte, die sind ganz glücklich, dass sie mich kennen gelernt haben.

Welche Ihrer Figuren ist Ihnen denn selbst am meisten ans Herz gewachsen?

Das Kamel aus „Der Löwe ist los“, weil das so eine schrullige Gestalt ist. Als ich 1968 das Urmel schrieb, war ich in einer sehr traurigen Verfassung, weil mein Sohn tödlich verunglückt war. Ich hätte nie gedacht, dass das Buch solch einen Erfolg haben würde. Es war ein glücklicher Zufall, dass die Augsburger Puppenkiste sofort auf mein Manuskript angesprungen war. Ich musste daher schreiben. Solch einen Druck habe ich immer als sehr positiv empfunden.

In Ihrer Kindheit haben Sie kaum Druck erfahren. In Ihrer Biografie kritisieren Sie die Mutter eher, dass Sie nicht mehr lernen durften.

Ich habe gar keine Schulbildung. Bis zum 9. Lebensjahr war ich von der Schule ganz befreit. Ich hatte einen Lehrer, der ins Haus kam und mir Lesen und Schreiben beibrachte. Ich bekam damals sehr leicht Fieber. Es war anders als heute: Heute muss man sich bewegen, bewegen, bewegen. Damals musste man liegen, liegen, liegen. Nachdem ich es in meinem Leben so weit an Jahren gebracht habe, denke ich allerdings, so falsch war das Liegen vielleicht gar nicht.

Hat das Liegen das Lesen gefördert?

Ja. Aber ich habe auch eine andere Art von Bildung genossen. Durch meine Mutter habe ich viele interessante Leute kennen gelernt, Schriftsteller, Maler. Später habe ich dann das Abitur nachgemacht. Ich musste zum Glück nicht zur Wehrmacht, meine Mutter kannte einen General bei der Musterung. Einer meiner Brüder war damals schon gefallen. Der Arzt, der aus meiner Heimat Bad Kösen kam, und der General sahen diesen kleinen, spillerigen Knaben und sagten: Was sollen wir denn mit dem Kroppzeug? Und so wurde ich ausgemustert. Sonst würde ich vielleicht gar nicht mehr leben. Dadurch bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass manches, das man zunächst als Unglück empfindet, sich später als Glück herausstellt.

Welcher Ihrer Brüder war zu diesem Zeitpunkt bereits im Krieg gefallen?

Käthe Kruse mit den beiden Jüngsten: Friedebald (l.) und Max Kruse. Foto: Max Kruse. Aus der Biografie „Im Wandel der Zeit – Wie ich wurde, was ich bin“ (Thienemann Verlag, 590 Seiten, 19,95 Euro).

Jochen, ein hochbegabter Mensch, sehr witzig, sehr charmant, er hatte viele Freundinnen, er war nicht ganz stubenrein (lacht).

Wie meinen Sie das?

Sexualität war ja damals tabu. Heute brauchen Sie ja nur ins Internet zu gucken. Die Kinder kriegen da schon Dinge gezeigt, die uns damals entsetzt hätten.

Schockiert Sie das?

Ich finde, die Wärme geht verloren. Es gibt natürlich auch heute noch große Gefühle, Liebe. Aber ich glaube, dass man den anderen Menschen nicht mehr so schätzt, wenn man es so leicht hat.

In den letzten 90 Jahren hat sich viel verändert . . .

Wir hatten zwar die ersten Schallplatten, aber die liefen nur drei Minuten. Die musste man umdrehen und die Kurbel drehen. Das war alles mühsamer. Aber es ist kein Schade, dass einem nicht alles leicht gemacht wird. Heute werden wir ja überschwemmt, wir müssen uns der Dinge erwehren, damals musste man sie sich erarbeiten. Ich glaube trotz aller Kritik, die man am Fernsehen hat: Wir haben in Deutschland doch eines der besten der Welt. Es gibt gute Dokumentationen und Diskussionen mit interessanten Menschen. Es liegt nicht daran, dass das Fernsehen zu schlecht ist, sondern dass man nicht auswählt.

Schreiben Sie eigentlich heute noch?

Ich sitze jeden Tag mehrere Stunden am Computer, schreibe Romanentwürfe, Erzählungen. Und ich habe viel Post zu erledigen. Ohne zu schreiben, könnte ich mir mein Leben nicht mehr vorstellen. Ich denke, dann wäre es zu Ende.

Neues von Max Kruse

Kruse hat mehr als 50 Bücher geschrieben: Gerade ist ein warmherziges Märchen erschienen: „Das silberne Einhorn“ (Thiele, 144 Seiten, 16 €). Darin widmet sich der studierte Philosoph den großen Fragen des Lebens. Zuvor schrieb er eine rührende Liebesgeschichte: „Die Tage mit Jantien“ (Thiele, 158 Seiten, 16 €). Seine bewegende Biografie „Im Wandel der Zeit“, ist neu aufgelegt worden (Thienemann, 590 Seiten, 19,95 €). Für Kinder: „Das große Max Kruse-Buch“ mit Geschichten und Gedichten (Boje, 125 Seiten, 16,99 €).

Maren Schürmann



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