Der außenpolitische Jongleur

Berlin..  Sein Herz schlug konservativ, doch revolutionierte er Deutschland. Er verfolgte Sozialdemokraten und baute zugleich die Sozialversicherungen aus. Er hasste die Demokratie, doch führte er - erstmalig in Europa - das allgemeine Männerwahlrecht ein. Kein Wunder, dass sich an Otto von Bismarck die Geister scheiden. Über Licht- und Schattenseiten seines Lebenswerks wird bis heute gestritten. Vor 200 Jahren, am 1. April 1815, wurde der „Eiserne Kanzler“ in Schönhausen nahe Magdeburg geboren.

Die Ausbildung verlief typisch für einen preußischen Junker: Internat und Gymnasium in Berlin, Jura-Studium. Als die Mutter 1839 starb, brach Bismarck sein Studium ab und kehrte zurück zum väterlichen Landgut. Er genoss das Leben als Grundbesitzer, heiratete Johanna von Puttkammer, eine tief religiöse Protestantin. Doch die Arbeit auf dem Gut langweilte ihn zusehends.

Ein junger Hitzkopf

1847 wurde Bismarck Mitglied des preußischen Landtags. Als jüngster Abgeordneter erwarb er das Image eines erzreaktionären Junkers. Im Revolutionsjahr 1848 stellte er sich demonstrativ auf die Seite des Preußen-Königs Friedrich Wilhelm IV. Der belohnte den Hitzkopf 1851 mit einem Posten beim Deutschen Bund in Frankfurt. Der neue preußische König Wilhelm I. schickte Bismarck dann als Gesandten nach St. Petersburg, später nach Paris.

Doch 1862 wurde er nach Berlin zurückbeordert – als Retter in höchster Not: Im Streit um die Finanzierung des Heeres zeigte sich Bismarck bereit, notfalls auch im Konflikt mit dem Abgeordnetenhaus zu regieren. Der König ernannte ihn zum Ministerpräsidenten. In seiner „Blut und Eisen“-Rede unterstrich Bismarck, dass für ihn Macht vor Recht ging: „Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden große Fragen der Zeit entschieden, sondern durch Eisen und Blut.“

Das setzte er in den folgenden Jahren auch um: Krieg gegen Dänemark 1864, Feldzug gegen Österreich 1866 und Krieg gegen Frankreich 1870/71: Hatte Bismarck einen Masterplan, um ein von Preußen dominiertes Deutsches Reich zu gründen? Historiker gehen davon aus, dass er sich zwar strategische Ziele setzte, bei der Wahl der Mittel und Verbündeten aber improvisierte.

Als König Wilhelm I. am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal von Versailles zum deutschen Kaiser proklamiert wurde, stand Bismarck auf dem Höhepunkt seiner Macht und wurde zum ersten Reichskanzler des neu gegründeten Deutschen Reichs. Außenpolitisch suchte er Frankreich zu isolieren und eine Einkreisung des Reichs durch wechselnde Flirts mit England und Russland zu verhindern. Der Kanzler, der mit vielen Bällen jongliert, war eine damals sehr populäre Karikatur. Innenpolitisch versuchte er skrupellos, Parteien und Interessengruppen gegeneinander auszuspielen und den Parlamentarismus zu schwächen.

Mit der katholischen Kirche und der Zentrumspartei lieferte er sich eine harte Auseinandersetzung. Im Kulturkampf (1871-1878) bekämpfte der Protestant auf der Seite der Liberalen den klerikalen Einfluss – etwa durch die Einführung der Zivilehe oder den Kanzelparagraphen, der Geistlichen politische Stellungnahmen verbot. Der Druck schweißte die Katholiken zusammen. Andererseits wurde der Kulturkampf für viele zur traumatischen Erfahrung.

Zerwürfnis mit Wilhelm II.

Mit scharfen Gesetzen und fortschrittlichen Sozialreformen versuchte Otto von Bismarck seit 1878 auch, den wachsenden Einfluss der Sozialdemokraten im Kaiserreich zu bekämpfen. Vergeblich. Als 1888 Wilhelm II. den Thron bestieg, kam es zum Zerwürfnis. Der junge Kaiser beschnitt die Machtbefugnisse des Eisernen Kanzlers. 1890 trat Bismarck zurück. „Es ist ein Glück, dass wir ihn los sind“, gab der Dichter Theodor Fontane der Stimmung Ausdruck. „Seine Größe lag hinter ihm.“ Doch schon bald wurde Bismarck zum Mythos. In den Denkmälern, die nach seinem Tod 1898 aus dem Boden schossen, wurde er als martialischer Recke mit Pickelhaube, Stulpenstiefeln und Schwert verklärt. Der Reichsgründer wurde zur Leitfigur eines überhitzten Nationalismus.

Für manche Historiker beschritt Deutschland mit Bismarck einen verhängnisvollen Sonderweg zum Obrigkeitsstaat, der zum Ersten Weltkrieg und zum Nationalsozialismus führte - eine Kontinuität, die aber von vielen anderen bestritten wird.