Der abwesende Herr Polanski
12.02.2010 | 19:26 Uhr 2010-02-12T19:26:00+0100
Berlin.„Du musstest immer hundertprozentig alles geben für diesen großen Mann“, erinnert sich Pierce Brosnan an die Arbeit mit Roman Polanski bei dessen Film „The Ghost Writer“. „Für mich war es eine magische Erfahrung.“ Auch die Pressekonferenz zu diesem Film, der gestern als Wettbewerbsbeitrag bei der 60. Berlinale zu sehen war, gestaltete sich für die anwesenden Journalisten als eine neue Erfahrung. Wenn ein Regisseur denn schon mal fehlt, weil er inzwischen inhaftiert worden ist, dann stammt der vielleicht aus China oder Nordkorea. Einen französischen Staatsbürger wie Roman Polanski jedoch, der in der Schweiz in Auslieferungshaft sitzt, das gab’s bisher noch nicht.
Trotzdem hatte man den Eindruck, dass der abwesende Herr Polanski ungemein gegenwärtig war. Alle die da nach der heftig beklatschten Pressevorführung des Films auf dem Podium saßen, sprachen über die Arbeit mit diesem „Maestro“, wie Hauptdarsteller Ewan McGregor ihn gern tituliert. „Er fühlt sich für alles am Set verantwortlich“, schildert der Brite den Regisseur. „Er wirkt sogar auf das Spiel seiner Darsteller ein. Die Hälfte von dem, was man an Darstellung auf der Leinwand sieht, ist seiner Vorstellung entsprungen.“ Als Polanski im September in der Schweiz verhaftet worden sei, so Co-Produzent Robert Benmussa, „war der Film fast fertig“. Trotzdem habe der Regisseur auch im Gefängnis mit Hilfe von DVDs noch weiter an der Endfassung getüftelt. Zur juristischen Sachlage mochte zwar auch er sich nicht äußern, „aber Roman nicht hier bei uns zu haben, ist doch sehr befremdlich für uns.“
Immerhin aber hat man Polanskis neuen Film, die Adaption von Robert Harris’ Erfolgsroman „The Ghost“, die schon nächste Woche bei uns in die Kinos kommt. Der Begriff „Thriller“ trifft es noch am ehesten, was sich hier rund um den ehemaligen britischen Premierminister Adam Lang (Pierce Brosnan) ereignet, für den Tony Blair Pate gestanden hat. Lang, angefeindet schon seit langem wegen seiner USA-hörigen Kriegspolitik, sucht für seine Memoiren einen neuen „Ghost Writer“, der das Konvolut von Seiten in eine lesbare Form bringen soll. Der bisherige Formulierungshelfer hat offenbar hochalkoholisiert Selbstmord begangen. Seine Leiche wurde am Strand der amerikanischen Ostküsteninsel angespült, wo Lang mit Frau (Olivia Williams) und Mitarbeiterstab auf dem Anwesen seines Verlegers Unterschlupf gefunden hat.
Der neue namenlose Co-Autor (Ewan McGregor) merkt schon bald, dass mit dem Tod seines Vorgängers etwas nicht stimmt. Hinzu kommt, dass Lang inzwischen vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag angeklagt werden soll: Er habe vier britische Bürger muslimischer Herkunft entführen lassen und sie an die CIA ausgeliefert. Einer von ihnen hat Folter und Verhöre dabei nicht lebend überstanden. Immer tiefer dringt der Ghostwriter in eine Verschwörung vor, in der auch Lang wohl nur eine gut funktionierende Marionette war.
Es scheint fast so, als habe Polanski seine eigene derzeitige Situation hier vorausgeahnt. Auch Lang wird quasi zu einem Gefangenen: Er kann die USA nicht mehr verlassen, weil jedes andere Land ihn unweigerlich an Den Haag ausliefern würde. Pierce Brosnan bringt dieses Gefühl, sich plötzlich von allen verlassen zu finden, obwohl man doch eigentlich nur der eigenen Gesinnung gefolgt ist, genau rüber. Oder vielleicht doch nicht ganz?
„The Ghost Writer“ ist ein ungemein spannender, das Buch treu umsetzender Film, der Polanski wieder auf der Höhe seiner Kunst zeigt. Die Bilder, die er auf Usedom erzeugt (das hier für Martha’s Vinyard steht), mit düsteren Wolkengebirgen vor Panoramascheiben und unendlichem Regen, tragen viel zur düsteren Stimmung der Geschichte bei.
Und dann ist da noch der bewegende Kurzauftritt eines Veteranen des Kinos: Eli Wallach, inzwischen 95 Jahre alt und immer noch an seinen blitzenden Augen zu erkennen, darf als Insel-Einsiedler entscheidende Hinweise geben. Ein Kinomoment der Gnade.
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