Delius: "Ich schaue nicht zu, ich merke mir das"
2011-10-29T21:52:05+0200
Die von Delius 1999 verfasste Erzählung "Die Flatterzunge" wage sich auf das heikelste der heiklen Gebiete vor, sagte Lewitscharoff. Der Preisträger berichtet in dem Buch literarisch von einem tatsächlichen Vorfall 1997 in Tel Aviv, als ein Mitglied der Deutschen Oper Berlin in seinem Hotel einen Getränkebeleg mit "Adolf Hitler" unterzeichnete. "Delius hat mehr als nur ein heißes Eisen angefasst und dabei einen kühlen, sprich klugen Kopf bewahrt", erklärte die Laudatorin.
"Das Alleinsein, die Einsamkeit, das Abstandhalten, die Meinungsvorsicht, der Zweifel, das Schweigen sind die ersten Voraussetzungen, um zu schreiben", sagte Delius in seiner Dankesrede. Auf den Vorwurf "Du hältst dich raus, tust nichts" habe er die leise Antwort gefunden: "Doch, ich tue was, ich schaue zu, ich schaue nicht weg, ich merke mir das, ich hebe das auf."
Lebenskompetenz entstehe durch Lesekompetenz, erklärte der Preisträger. Und doch löse es heute keine Empörung mehr aus, wenn Sender, Verlage und Ministerien geistige Anstrengung, nicht aber das von ihnen "geforderte Analphabetentum" für gemeingefährlich hielten.
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