"Das Vermächtnis" - Die dunkle Spur der Meisterwerke

Der neue Thriller von Richard Surface führt den Leser durch ganz Europa - auf den Spuren von einer verschollenen Skulptur Michelangelos.
Der neue Thriller von Richard Surface führt den Leser durch ganz Europa - auf den Spuren von einer verschollenen Skulptur Michelangelos.
Foto: Raimund Verspohl
Was wir bereits wissen
Michelangelo, verschollene Skulpturen - US-Autor Richard Surface hat einen Kunst-Thriller geschrieben, der durch halb Europa rast: „Das Vermächtnis“.

Essen.. Richard Surface ist einer dieser erzfreundlichen, grundhöflichen Autoren, deren dunkle Seiten sich erst auftun, wenn man sich in ihre Bücher vertieft. Bei Begegnungen mit ihm dauert es ein paar Tage und etliche Anekdoten, bis er darauf zu sprechen kommt, dass er daheim in Los Angeles zwischen Brad Pitt und Angelina Jolie auf der einen und Kevin Spacey auf der anderen Seite wohnt. Aber was heißt schon daheim? Richard Surface lebt abwechselnd in Los Angeles, London und München. Und vielleicht rast die Handlung in seinem turbulenten Kunst-Thriller „Das Vermächtnis“ deshalb so viel zwischen Amsterdam, München, Pistoia, Paris, Brüssel, London, dem österreichischen Lech und Florenz herum, wo es dann zum Showdown kommt.

Kenner der Renaissance-Kunst

Es geht um die Hetzjagd eines Killers und um verschollene Meisterwerke der abendländischen Kunstgeschichte – aber kein bisschen um Kryptologie. Und doch dauert es nicht lange, bis Richard Surface im Gespräch auf Dan Brown kommt: „Ehrlich, ich habe an meinem Buch schon geschrieben, als der erste Robert-Langdon-Roman herauskam!“ Kryptologie und Okkultismus spielen bei Surface ohnehin nicht die geringste Rolle.

Krimi „ Das Vermächtnis“ ist zwar raffiniert konstruiert, bezieht seine Spannung aber nicht zuletzt daraus, dass alles, was darin passiert, wahr sein könnte. Denn es gibt tatsächlich eine ganze Reihe von Meisterwerken der Kunstgeschichte seit der Renaissance, die spurlos verschwunden sind, ohne dass es Beweise für ihre Zerstörung gibt. Michelangelos kleiner David, um den das „Vermächtnis“ kreist, gehört auch dazu. Das letzte Zeugnis für seine Existenz stammt aus den Wirren der Französischen Revolution.

Autor ist ohne Kunst aufgewachsen

Aber warum ist Richard Surface, der Mathematiker und Betriebswirt, der in den 80er-Jahren American Express mit den Traveller-Schecks in Deutschland groß herausbrachte und vor seiner Pensionierung zuletzt als Geschäftsführer einer großen Versicherung arbeitete, so fasziniert von Kunst und ihrer Geschichte? „Vielleicht, weil ich in Kansas aufgewachsen bin“, schmunzelt Surface, „tausende Meilen von jeder Kunst entfernt.“

Das hat der hagere Amerikaner längst kompensiert. Wenn er mit einer Kunsthistorikerin in der Santa Croce-Kirche von Florenz debattiert, warum Vasari hier in den Seitenkapellen die kostbaren Fresken von Giotto abnehmen ließ, um sie durch monumentale Altarwände zu ersetzen, funkeln seine Augen genau wie seine Thesen. Man spürt die Mischung aus Leiden- und Kennerschaft in Sachen Renaissance-Kunst, wenn er im Opificio delle Pietre dure, einer der renommiertesten Restauratoren-Werkstätten der Welt, mit halboffenem Mund und bewunderndem Blick die Leinwand von Raffaels „Stummer Frau“ geradezu scannt.

Endgame Vor Leonardos „Anbetung der drei Weisen“, die im Hochsicherheitstrakt des Opificio seit Jahren durchleuchtet und wiederhergestellt wird, weiß Surface zu berichten, dass Michelangelo, wo immer es ging, Männer malte, während da Vinci ein Faible für Pferde hatte, die er – wie in der „Anbetung“ auch – in beinahe jedem Bild unterzubringen versuchte. Vor der Casa Buonarotti, dem Michelangelo-Museum in dessen Florentinischen Wohnhaus, erinnert Surface daran, dass der Meister viele seiner stets angefertigten Skizzen und Modelle vernichtete, damit er der Nachwelt als ein umso größeres Genie gelten konnte, das seine Werke im Handstreich und so gut wie ohne Hilfsmittel zuwege brachte.

Undurchsichtig: Interpol

Surface selbst ist da weitaus freizügiger mit Einblicken in seine Werkstatt: „Für einen Roman ist es weit sinnvoller, sich zunächst einmal den Bösewicht auszudenken. Im Grunde genommen lebt doch ein Thriller von der Intelligenz des Bösen und deren Faszination.“ In seinem Vermächtnis bleibt lange im Dunkeln, wer hinter dem grausamen Foltermord der Eingangsszenen steckt. Und man merkt, dass sich Surface die Motivlage seiner Schurken sehr klug überlegt hat. Der Held wiederum, ausgestattet mit einer Hochbegabung als Brückenbauer, einer Lese-Rechtschreib-Schwäche und dem bedeutungsschwangeren Namen Gabriel Schopenhauer, will nicht nur den Mörder seines Großvaters enttarnen, sondern auch herausfinden, welches geheimnisvolle Kunstwerk ihm sein Großvater vererbt hat – und wo es steckt.

Ob ihm dessen alter Geschäftspartner Arthur Whyte wirklich nur aus alter Verbundenheit dabei helfen will oder doch ganz eigene Ziele damit verfolgt, lässt sich bis kurz vor dem Finale nur ahnen. Undurchsichtig ist auch die Rolle der Kunstraub-Spezialisten von Interpol – und welche Rolle die Geschehnisse am Ende des Zweiten Weltkriegs und in der linksterroristischen Szene der 70er-Jahre in Europa spielen.

Straffreiheit für Kunstdiebe?

Die kühnste Spekulation des Romans ist ein „Kultur für alle“-Gesetz, das allen Besitzern illegal beschaffter Kunstwerke nicht nur Straffreiheit, sondern auch den vollen Marktwert des Werks anbietet, wenn sie die betreffende Kunst an Museen ausliefern. Dass dieses Gesetz nach einem Jahr Gültigkeit bald ausläuft, gehört zu den atemstillstandsfördernden Treibmitteln dieses Romans. Man darf gespannt sein auf den nächsten Surface – der wird wiederum im Kunst-Milieu spielen.