Das soziale Band reißt nicht

Zusammenhalt? Am wichtigsten ist der Kontakt.
Zusammenhalt? Am wichtigsten ist der Kontakt.
Foto: Getty Images
Was wir bereits wissen
Tagung an der Fernuniversität: Verbindlichkeiten brauchen keine gemeinsamen Werte, nur den Austausch. Soziale Spaltung wird allerdings als Gefahr gesehen.

Hagen..  Globalisierung und Prekariat, Neoliberalismus und Individualisierung der Arbeitswelt, privater Reichtum und öffentliche Armut, Griechen-Beschimpfung und Pegida, Ghettos für die ganz oben und für die ganz unten – löst sich da etwas auf? Schwindet der Zusammenhalt moderner Gesellschaften? Oder metaphorisch gesprochen: Reißt das soziale Band? Mit dieser Frage hat sich von Montag bis Mittwoch eine interdisziplinäre Fachtagung der Fernuniversität Hagen befasst. Der Veranstalter, Philosophie-Professor Thomas Bedorf, beantwortet sie klar: „Nein.“

Beziehungen als die Basis

Damit will er nicht sagen, dass die genannten Gefährdungen nicht bestünden. Aber für ihn ist das soziale Band nicht aus einer festen Substanz von Werten geknüpft. Also: Religion, Moral, Sitte, Tradition, Nation. Deshalb sei der Zusammenhalt, wenn diese Substanz schwindet, auch nicht gefährdet. „Das soziale Band, wie es heute zunehmend verstanden wird, braucht kein Wertegerüst und keine gemeinsamen Überzeugungen“, sagt Bedorf. „Es basiert auf den Beziehungen zwischen Menschen, beispielsweise auf Tauschbeziehungen. Der Austausch allein erzeugt schon eine Anerkennung des Anderen, ohne dass wir den gleichen Glauben brauchen.“

Diese Definition macht das Band weniger krisenanfällig. „Wenn schon gemeinsames Tun soziale Verbindlichkeiten erzeugt, muss man keine Angst haben, dass das Band reißt“, betont der Leiter des Lehrgebiets Praktische Philosophie. Allerdings sitzt dieses Band lockerer: „Es ist weiter und loser, bietet mehr Spielräume und bindet nicht so eng. Die enge Bindung hat früher sicher vielen Menschen auch Geborgenheit vermittelt.“

Bedorf hat keine Angst vor der Zerreißprobe: „Auch im grundsätzlichen Konflikt darum, welche Gesellschaft wir wollen, wie wir es beispielsweise mit Zuwanderung halten, kann man noch eine Bindungskraft sehen. Wir streiten miteinander, wir tauschen uns aus.“

Beeindruckt und überrascht war der Fernuni-Professor von einem Vortrag des Magdeburger Soziologen Jan Delhay. Der stellte Ergebnisse einer empirischen Untersuchung vor, eines internationalen Vergleichs zum sozialen Zusammenhalt. Erstes Ergebnis: Er ist höher in Ländern mit höherem Wohlstand, er schwindet in ärmeren Staaten. Zweites Ergebnis: Der Anteil der Migranten hat keinen Einfluss. Das widerspricht gleich zwei Vorurteilen. Dass Verschiedenheit schadet, und dass die Armen zusammenhalten.

„Ich habe gefragt, ob das mit Brecht zu verstehen sei. Erst kommt das Fressen, dann die Moral“, sagt Bedorf. „Die Antwort war: Ja.“ Wer ums tägliche Überleben kämpfe, habe keine Kraft für mehr. Das zeige sich vor allem außerhalb der Grenzen Europas, beispielsweise bei den syrischen Flüchtlingen. Die seien hilflos irgendwelchen Menschenhändlern ausgeliefert, für sie sei soziale Verbindlichkeit nicht existent.

Materielle Mindestbedingungen

Aber die soziale Spaltung, das Entstehen eines Prekariats sei durchaus auch für reiche Gesellschaften wie die deutsche eine Gefahr: „Es braucht materielle Mindestbedingungen, um ein Band knüpfen zu können. Sie müssen sich auch um soziale Interaktion kümmern können. Teilnahme muss möglich sein.“

Und was ist mit denjenigen, die sich gegen die Teilnahme aller aussprechen, die Abgrenzung suchen, mit Pegida? „Diese Leute missverstehen, was sie selber tun“, sagt Bedorf. „Sie waren blitzschnell ein bundesweites Thema und hatten den Eindruck, sie würden nicht gehört.“ Es sei unklar geblieben, was sie genau wollten und an wen ihre Forderungen adressiert waren. „Pegida ist vor allem Ausdruck eines Unwohlseins angesichts einer komplexen Gesellschaft.“

Das gibt Thomas Bedorf gerne zu: „Unsere Gesellschaft ist sehr komplex. Das ist wirklich nicht im -mer leicht.“ Aber gerade deshalb müsse um so klarer der Fokus auf die vorhandenen Bindekräfte gelegt werden.

Auf Austausch.