Das Risiko moderner Gesellschaften

Essen..  Das vielleicht größte Risiko für eine Gesellschaft ist das Nichtstun, das Abwarten, das Zögern. So sah es Ulrich Beck, der mit seinem Buch „Risikogesellschaft“ die politischen Debatten der Nach-Tschernobyl-Zeit prägte. National wie international erregte der Soziologe, der einen der Welt zugewandten, offenen und, ja, risikofreudigen Diskurs pflegte, mit seinen Thesen Aufmerksamkeit. Wie erst am Wochenende bekannt wurde, starb Ulrich Beck bereits am Neujahrstag im Alter von 70 Jahren an einem Herzinfarkt.

Geboren am 15. Mai 1944 in Pommern, wuchs Beck in Hannover auf. Als Professor für Soziologie arbeitete er an den Universitäten Münster, Bamberg und in München; bekannt wurde er durch prägnante Aufsätze und Bücher, die dem Zeitgeist immer einen Schritt voraus zu sein schienen.

Den Begriff der Risikogesellschaft erweiterte Ulrich Beck 2007 zur „Weltrisikogesellschaft“: Die heutigen Gesellschaften lebten mit Blick auf künftige Risiken – etwa Umweltkatastrophen, Wirtschaftskrisen, Terrorismus. Das aktuelle politische Handeln gleiche daher einem Präventivkrieg gegen einen Gegner, dessen Gestalt noch unbekannt ist. Der aber potenziell nicht nur eine, sondern alle Gesellschaften bedroht. Die Risikogesellschaft ist deshalb die Weltgemeinschaft, die zu globalen Lösungen finden müsse. Vor diesem Hintergrund mischte sich Beck in aktuelle Debatten ein. Das „gezielte Zögern“ Angela Merkels in der Europapolitik geißelte er mit dem Begriff „Merkiavelli“. Zugleich warf er der Bundesregierung vor, Terrorangst zu schüren, um ungehemmt Überwachungsinstrumente einzusetzen.

Die Veränderungen in der globalisierten Gesellschaft aber brach Beck auch auf das Privatleben herunter. Gemeinsam mit seiner Frau und Kollegin Elisabeth Beck-Gernsheim spürte er den modernen, von Traditionen befreiten Beziehungen nach – „Fernliebe“ hieß der letzte Bestseller der beiden.

Auf Becks Tod reagierten viele Weggefährten mit Bestürzung. So würdigte ihn SPD-Chef Sigmar Gabriel als „präzisen Analytiker und hoch geschätzten Ratgeber“; Claus Leggewie, Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen, lobte seine „scharfe analytische Gabe“. Und der Dortmunder Soziologie-Professor Ronald Hitzler, einst Becks Assistent, betonte: „Er wollte wirken – und das auch politisch.“