Multimedia-Reportage
Das Leben im Damals
01.07.2008 | 14:00 Uhr 2008-07-01T14:00:00+0200
Dortmund. Schauet her, ihr lieben Leut. Und sehet, was sich beim Mittelalterlich Phantasie Spectaculum zu Dortmund zugetragen het.
Ohne seine Mütze ist er nichts. Ein Wurm, nur niederes Geschnetz. Eduard von Sonnenberg, Edelmann, Adliger und Marktvogt des fahrenden Mittelaltermarktes, blickt mit großen Augen in die Menge. Just in diesem Moment drängelt sich lautstark ein bärtiger Mönch an den umherstehenden Rittersleuten vorbei. "Bruder Rectus, da seid ihr ja endlich!" Der Gottesmann fletscht die Zähne, streicht in Windeseile mit der Zunge über seine gelben Zahnreste und überreicht seinem Herrn mit gesenktem Haupt die Kopfbedeckung.
Das Äußere zählt
Auf das Äußere kommt es an - nirgendwo beweist sich dieser Spruch so sehr wie im Mittelalter. Die Kluft zwischen Arm und Reich, vor mehr als 600 Jahren gab es kein Entrinnen aus ihr. Während die Edelleute verschwenderische Feste feiern, Spanferkel über großen Feuern brutzeln, wird das Gesindel zur Arbeit getrieben. Alles will gereinigt sein, blitzblank. Und wer nicht spurt, landet im Käfig. Oder schlimmer. Das Prinzip Menschenrechte ist noch nicht erfunden. Den Kerkermeistern aber steht der Spaß ins Gesicht geschrieben.
Zu Volkes Belustigung
Für die Besucher des Mittelalterlich Phantasie Spectaculum verwandelt sich der Fredenbaumpark in einen Vergnügungspark. Einen Schauplatz des Grotesken und des Romantischen. Die Berufsgruppen haben sich in Lager aufgeteilt. Im Mittelalter hat jeder seinen Platz. Die Kampftruppen präsentieren vor ihren Zeltbehausungen stolz ihre Rüstungen und Waffen. Damals ein Zeichen von Wohlstand.
Ihre Kampfeskunst präsentieren sie stündlich auf der nahegelegenen Wiese. Den Kopf erhoben, das Schwert kraftvoll dem Publikum entgegengestreckt. Während die Fußsoldaten ihre Klingen kreuzen und Fackeln wedeln, dringt vom anderen Ende des Lagers lautes Pferdegewieher herüber. Unter lautem Jubel des Volkes ist das Ritterturnier voll im Gange. Erstmalig in Dortmund: Neben Reitern in Halb- gibt es auch Ritter in Vollrüstung zu sehen. Kämpfend, reitend, springend.
Zurück zum Kampfgeschrei auf der Wiese. Seit Jahren Stammgast beim "Spectaculum": Die tschechische Kampfgruppe "Fictum". Mit historischen Rüstungen und Waffen gehen sie, passend zum Rhythmus des Trommlers, aufeinander los. Verletzt wird niemand. Hier hört der Realismus auf.
Geld regiert das Mittelalter
Wie aus dem mittelalterlichen Leben gegriffen, rotten sich am Nachmittag Edelleute und ihre Soldaten auf dem Mittelpunkt des Marktplatzes zusammen. Lauthals brüllen sie "Sold! Sold! Wir wollen unseren Sold!" Erst nach der Androhung eines Pfeilhagels gibt der Abgesandte auf und öffnet seinen Geldbeutel für die Masse. Das liebe Geld: Gezahlt wird auf dem Mittelalter-Festival in Münzen, Gold und Silber. Wertmarken mit Sammlerwert.
Mit diesem Geld dürfen sich die Besucher nicht nur an Met und Wein laben - auch die Handwerker und Händler akzeptieren die harte Währung. Der Fredenbaumpark wird durchdrungen von verschiedensten Duftmarken. Frisches Brot, herzhaftes Fleisch, orientalische Räuchermischungen. An den Ständen zeigen Schmiede und Bogenmacher, wie ihre Produkte entstehen. Viele der Handwerker gehen ihrem Beruf aus Überzeugung nach. Historisch korrekt, auch wenn die Produktion mit neuzeitlichen Mitteln weitaus weniger Zeit in Anspruch nehmen würde.
Mittelalterlicher Medicus
Als Mann der Neuzeit erweist sich Dr. Dr. Dr. Bombastus, seines Zeichens der gelehrteste Mann des Spectaculums. Seine drei Doktoren habe er nicht nur im Linksumdrehen gemacht, auch seine Erfindungen seien die Revolution der Medizin, und das ohne Zweifel! Gott habe den Menschen die Krankheiten gegeben. Das sei so. Und er sei auf dieser Welt, um die Krankheiten wieder zu nehmen. Auch das sei so. Im Mittelalter hat eben jeder seinen Platz.
Mit seiner rollenden Praxis flaniert der Doktor über das Festivalgelände, im Schlepptau sein "Faktotum", den leicht angeschwippsten Mönch Fredericus. Der arme Tropf klagt über Weinstein, eine teuflische Krankheit, die sich durch starke Nackenschmerzen bemerkbar macht und durchaus mit Fredericus' Tätigkeit als Weinprüfer zusammenhängen könnte. Bombastus weiß natürlich Abhilfe.
Knappen-Kicken
Zu Zeiten der Euro darf König Fußball im mittelalterlichen Dortmund nicht fehlen. Bruchenball nennt sich die Jahrhunderte alte Variante, ein früher Vorläufer des heutigen Rugbys. Na, und wer hat's erfunden? Die Deutschen natürlich. Behauptet zumindest Marktvogt Eduard von Sonnenberg. Vier gegen Vier, nur bekleidet in Unterhosen, raufen sich um einen großen Sack. Ein Sport zur Ertüchtigung der Knappen.
Frauen dürfen auch heute nicht mitmachen. Umfragen zwischen den Teilnehmern hätten ergeben, dass sich die männlichen Mitstreiter zu sehr von den nackten Oberkörpern der Damen ablenken lassen würden. Auch Gleichberechtigung war im Mittelalter noch ein Fremdwort.
Die Macht am Thresen
Davon will Eduard von Sonneberg jetzt nichts wissen. Breitbeinig sitzt er auf einer Bank, nippt genüsslich an seinem Krug Bier. Die Mütze liegt wohlgefaltet neben ihm. Mit einer beiläufigen Handbewegung bestellt er den nächsten Humpen. Der Schankwirt schlurft gemächlich an den Tisch, erspäht die Mütze. Und zapft das schnellste Bier seines Lebens.

22:36
Hallo Markus, ich habs mir mal angesehen und angehört und kann nur sagen, dass da eine Print-Reportage nicht mithalten kann. Man hat in der Tat doppelte Gestaltungsmöglichkeiten mit Text und Film. Auch wenn es ein Schnelldurchgang war: alle Achtung, gut gemacht., für dieses Medium durchaus professionell. Ich frage mich allerdings, wer das alles anklicken soll - und wie man es in diesem reichlichen Angebot findet. Ich verirre mich immer mehr in diesem Forum. Mal abwarten.