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Literatur

Das Leben eines Ich-Erfinders

13.05.2011 | 19:20 Uhr
Das Leben eines Ich-Erfinders
Max Frisch

Essen.   Am Sonntag wäre Max Frisch 100 Jahre alt geworden – Rückblick auf einen Jahrhundertschriftsteller

Alle Geschichten sind erfunden, auch die eigene. Max Frisch, der am Sonntag 100 Jahre alt geworden wäre, hat sein Leben zum Gegenstand seines Schreibens gemacht: in Tagebüchern, Ro­manen, Dramen. Der Nachwelt bleibt die Erzählung: eines Schriftstellerwerdens, einer gnadenlosen Selbstbespiegelung. Ei­nes staatsbürgerlichen Engagements, eines rastlosen Le­bensgenusses. Wer war Max Frisch?

Der Journalist

Als 1932 Frischs Vater starb, musste Max, der Germanistik studiert hatte, Geld verdienen. Er schrieb für die Neue Zürcher Zeitung, die ihn 1933 auch zur Eishockey-Weltmeisterschaft nach Prag schickte. Von dort reiste er weiter und gelangte in jene Pension nahe Dubrovnik, der er im Roman „Jürg Reinhart“ ein Denkmal setzte. So führte die von Frisch eher herablassend behandelte Brotschreiberei zum ersten Prosawerk.

Der Architekt

1936 begann Frisch das Ar­chitekturstudium, gedacht als „Bereicherung“ fürs Schreiben. Der Absolvent erhielt je­doch überraschend einen großen Auftrag: den Bau des Freibads am Zürcher Letzigraben. Mit Brecht spazierte er 1948 über die Baustelle. Laut Frisch hat er gerufen: „Alle Achtung, Frisch!“ Noch heute steht das Bad, ein Denkmal in reger Nutzung – das One-Hit-Wonder des Architekten Frisch.

Der Frauenbetörer

1942 heiratete er die vermögende Architektur-Kommilitonin Gertrude von Meyenburg und blieb ihr zwölf Jahre verbunden (allerdings nicht treu). Das Paar hatte zwei Töchter und einen Sohn. Die Erstgeborene, Ursula Priess, schrieb im Vaterbuch „Sturz durch alle Spiegel“, wie sehr es sie er­schütterte, in „Montauk“ über ihre Geburt lesen zu müssen: „die schlichte Nachricht, dass ein Kind gezeugt worden ist, hat mich gefreut: der Frau zuliebe.“ 1958 lernte Frisch Ingeborg Bachmann kennen. Ihre ge­mein­samen Jahre in Zürich und Rom: „Mein Name sei Gantenbein“ erzählt davon. Da gibt sich einer als Blinder aus, um die Untreue der selbstverliebten Schönen nicht se­hen zu müssen – Bachmann be­schwerte sich über den „Missbrauch eines Menschen als Studienobjekt“. Und manche machen Frisch für ihren Tod verantwortlich.

Er änderte sich nicht: Wer mit Frisch lebte, wurde Literatur. Dies ging auch Marianne Oellers – seit 1968: Marianne Frisch – so, als Frisch das Liebeswochenende mit Alice Carey im US-Küstenstädten Montauk besang und die be­trogene Ehefrau nur zu beweinen war. Später lebte Frisch noch einige Jahre mit der über 30 Jahre jüngeren Alice in New York.

„Man lebt überall zu lange“, schreibt er. Eine bestaunenswerte Weltläufigkeit. Schon 1951 zog es ihn für ein Jahr in die USA. Er lebte in Rom, in Berlin – und doch oft in seinem Tessiner Bauernhaus („Rustico“) in Berzona. Seine Beziehung zur Heimat war ein lebenslanges Liebesdrama: Er bezichtigte sein Land des Selbstverrats, seine Landsleute verziehen dem Citoyen man­che Einlassung nur un­gern. Je älter, desto politischer wurde Frisch – vom be­rühm­ten „Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen“ bis zur Kampagne für eine „Schweiz ohne Armee“. Als er erfuhr, dass er 40 Jahre lang vom eigenen Land bespitzelt worden war, sagte er seine Teilnahme an der 700-Jahr-Feier der Schweiz ab.

Der Kollege

Schwierig war es mit dem „anderen“ Schweizer, Dürrenmatt, der den Gegensatz er­kannte: Frisch mache „seinen Fall zur Welt“, er selbst „die Welt zu seinem Fall“. Günter Grass nannte Frisch streitbar, aber auch als Vorbild für politische Einmischung. Zu Frischs eigenen Lehrmeistern gehörte (neben Verleger Peter Suhrkamp, den er „geliebt“ habe): Bert Brecht. Er schärfte seinen Blick, nahm ihn in die Verantwortung. Oft ohne Worte. Frisch: „Mehr als dem Debatteur erlag man dem Zuhörer Brecht.“

Der Großzügige

Frisch erfuhr eine lebenswichtige Großzügigkeit, die er weitergab: Sein Schulfreund Werner Coninx, dessen Vater der Zürcher Tagesanzeiger gehörte, finanzierte ihm das Architekturstudium. Später unterstützte Frisch (auch anonym) Freunde und Kollegen, da­runter Uwe Johnson. Volker Schlöndorff, der kurz vor Frischs Tod „Homo Faber“ verfilmte, schenkte er seinen geliebten Ja­guar.

Der Heimatlose

Man lebt überall zu lange“, schreibt er. Eine bestaunenswerte Weltläufigkeit. Schon 1951 zog es ihn für ein Jahr in die USA. Er lebte in Rom, in Berlin – und doch oft in seinem Tessiner Bauernhaus („Rustico“) in Berzona. Seine Beziehung zur Heimat war ein lebenslanges Liebesdrama: Er bezichtigte sein Land des Selbstverrats, seine Landsleute verziehen dem Citoyen man­che Einlassung nur un­gern. Je älter, desto politischer wurde Frisch – vom be­rühm­ten „Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen“ bis zur Kampagne für eine „Schweiz ohne Armee“. Als er erfuhr, dass er 40 Jahre lang vom eigenen Land bespitzelt worden war, sagte er seine Teilnahme an der 700-Jahr-Feier der Schweiz ab.

Der Ich-Sucher

„Schreiben heißt: sich selber lesen“ – Frischs erstes Prosastück, geschrieben kurz nach dem Tod seines Vaters, hieß: „Was bin ich?“ Es ist die Frage für ihn, zeitlebens. Identität ist etwas, das man erfinden oder zurückweisen kann: wie im berühmten Ausruf „Ich bin nicht Stiller!“ Noch 1981 sagte er vor Studenten in New York: „Wo unser Schreiben nicht zur Selbst-Erfahrung führt, entsteht keine Literatur, glaube ich, es entstehen Bü­cher.“

Der Sterbende

Vor der „Sterberei“ habe er keine Angst, sagte er, als er die Diagnose schon kannte – Le­berkrebs. Er starb am 4. April 1991 in seiner Wohnung in Zürich. Die Trauerfeier hatte er selbst minuziös geplant. In den „Entwürfen zu einem dritten Tagebuch“, die erst 2010 veröffentlicht wurden, er­träumt er eine „weiße Villa“ mit Veranda und vielen Gästen – ein heiterer Jenseitsort. Ebenfalls in diesem Tagebuch schreibt er: „Hänge ich am Le­ben? Ich hänge an einer Frau. Ist das genug?“

Sehr lesenswert und lebendig sind folgende aktuellen Bücher:

Volker Weidermann: Max Frisch – Sein Leben, seine Bücher. Kiepenheuer & Witsch, 432 S., 22,95 €

Julian Schütt: Max Frisch – Biographie eines Aufstiegs. Suhrkamp, 592 S., 24,90 €

Volker Hage: Max Frisch – Sein Leben in Bildern und Texten. Suhrkamp, 257 S., 24,90 €.

Sehenswert: eine neu aufgelegte DVD-Box – mit einem Porträt von Frisch als Citoyen, Gesprächen über seine Tagebücher und das Alter sowie Schlöndorffs „Homo Faber“ und der „Holozän“-Verfilmung. Filmedition Suhrkamp, 5 DVD im Schuber, 49,90 €.

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