„Das ist ein sehr schmaler Grat“

Essen..  Sie kann sonst wo auf der Welt unterwegs sein – es dauert nur drei Minuten, bis Doris Dörrie eine E-Mail beantwortet: Ja, natürlich, rufen Sie gerne an, hier ist meine japanische Handynummer! Mit Britta Heidemann sprach die Autorin und Filmemacherin über Frauen, Männer und das Alter.

Frau Dörrie, was machen Sie denn in Fukushima?

Dörrie: Wir drehen hier einen Spielfilm, „Grüße aus Fukushima“.

Worum geht es?

Um eine alte Frau, die aus einer Notunterkunft zurückkehrt in ihr altes Haus in der zerstörten Zone. Und eine junge Frau begleitet sie und versucht, ihr zu helfen.

Hatten Sie keine Angst vor der Strahlung?

Doch. Aber inzwischen sind wir gut informiert und messen alles aus an den Orten, an denen wir drehen – und wissen dann, dass es okay ist.

Sie haben auch Ihren aktuellen Roman in Japan geschrieben.

Ja, zu einem großen Teil. Inspiriert hatte mich ein japanischer Roman, der die Geschichte eines Meisters und seines Schülers erzählt, „Kokoro“ von Natsume Soseki.

Ihr Roman erzählt von einer Autorin und einer jungen Frau, die sie bewundert. Es ist auch ein Roman übers Alter. Sie sind gerade 60 geworden. Eine böse Zahl für Sie?

Ja und nein. Das kann man ja immer selbst gar nicht glauben, dass man schon so alt wird. Andererseits ist es ja auch ganz schön, es überhaupt so weit geschafft zu haben, oder?

Für Frauen hat das Altern immer noch dramatischere Folgen als für Männer, ärgert Sie das?

Wenn es um die persönliche Seite geht – das lässt mich eher kalt. Aber auf beruflicher Ebene ärgert mich das, gerade im Filmgeschäft. Das müssen wir dringend ändern!

Sie setzen sich bei der Initiative ProQuote ein, die Frauen in der Filmbranche fördern will.

Genau deshalb! Ich habe 1986 meinen ersten Film gemacht. Damals hätte ich geschworen, dass wir 2015 über das Thema berufliche Gleichberechtigung bestimmt nicht mehr reden müssen. Dass wir das immer noch tun müssen, das ist so peinlich.

Man meint, im Alter würden die Menschen weise. In Ihrem Roman heißt es: „Als ich jung war, dachte ich, dass sich Neid, Eifersucht und Komplexe im Alter von selbst erledigen würden. Stattdessen litt ich immer stärker darunter.“

Nein, dass man weise wird, das denkt man nur, wenn man sehr jung ist. Aber ich glaube auch, dass wir von einer falschen Vorstellung ausgehen. Es ist ja nie so, dass man durch und durch alt ist. Oder durch und durch jung ist. Man erlebt verschiedene Altersstufen gleichzeitig. In der einen Minute ist man 17 und in der nächsten 104. Das geht den ganzen Tag so, wild changierend. Und zwischendurch ist man vielleicht in seinem realen Alter.

Die Schriftstellerin wird von Ihrer Heldin „Meisterin“ genannt. Literaturkritiker aber nennen sie eine „schreibende Hausfrau“. Das ist ein Fluch, mit dem auch die Kanadierin Alice Munro belegt wurde.

Ja, das war Wolfgang Herles, der es wirklich gewagt hat, Alice Munro nach der Bekanntgabe des Literaturnobelpreises so zu nennen. Eine Unverschämtheit.

Ihr Roman beschreibt Schriftsteller als „Diebe und Vampire“, ein nicht sehr schmeichelhaftes Bild.

Na ja, das ist dieser moralische Zwiespalt, in den man beim Schreiben gerät, aber auch beim Filmemachen. Und im Journalismus. Dass man Geschichten aus der Wirklichkeit nimmt, und damit das Objekt, das man beschreibt, vielleicht verletzt. Das ist ein sehr schmaler Grat.