"Das Flüstern der Stadt" zeigt Aufstieg und Fall Barcelonas

Auf den Ramblas in den 50er-Jahren.
Auf den Ramblas in den 50er-Jahren.
Foto: Getty
Was wir bereits wissen
Der Krimi „Das Flüstern der Stadt“ erzählt von den finsteren Jahren der Franco-Diktatur – und zwei mutigen Frauen. Geschrieben haben ihn – zwei mutige Frauen, die eine auf Deutsch, die andere auf Spanisch, und beide haben die Texte der jeweils anderen übersetzt.

Barcelona.. Hohe Steingewölbe, knarrende Holzdielen und eine lange Flucht von Lesetischen und Bücherregalen: Im 15. Jahrhundert wurden in den Sälen, in denen heute die Biblioteca de Catalunya ihre Heimat hat, die Kranken Barcelonas gepflegt. Ein Ort voll stiller Historie, ein herrlicher Krimi-Schauplatz. Noch dazu, wenn es um einen kniffligen Medizin-Skandal geht, den zwei findige Frauen mit Glück, Mut und sprachlichem Feingefühl aufdecken.

Sabine Hofmann und Rosa Ribas stöbern in den historischen Zettelkästen. In den 50er-Jahren, während der Franco-Diktatur, dienten sie auch dazu, unliebsame Bücher einfach verschwinden zu lassen. „Man hat die Karteikarten vernichtet“, sagt Rosa Ribas: „Und dann gab es auch das Buch nicht mehr“ – denn niemand konnte es mehr finden. Es sei denn, man hatte die Signatur. So wie Ana Martí und ihre ältere Cousine Beatriz: Eine junge Journalistin, zuständig für die Klatschnachrichten der Zeitung Vanguardia, die über ihren ersten Kriminalfall berichten darf. Und eine Sprachwissenschaftlerin, die aus politischen Gründen keine Professur bekommt – aber die Liebesbriefe, die sich bei der ermordeten Arztwitwe Marina Sobrerroca fanden, bis in die letzten Feinheiten analysieren kann.

„Noch nicht einmal ein Hinweis!“

Zwei Frauen in einer Zeit des Schweigens, der Unterdrückung. „Das Flüstern der Stadt“ ist spannende Krimi-Kost und zugleich das feine Porträt einer Epoche, deren Spuren noch heute in Barcelona zu finden sind: In der „Bar Pastis“, heute ein schummrig-schrömmeliges Touristenziel nahe der Ramblas, traf sich einst die nachtschwärmerische Halbwelt. Und in dem trutzigen Haus in der Via Laietana hatte die polizeiliche Schreckensherrschaft ihr Hauptquartier – inklusive Folterkeller. Heute bietet dort ein Luxushotel allen Komfort. „Und hier ist noch nicht einmal ein Hinweisschild auf das, was einmal war“, schimpft Rosa Ribas gegen den Straßenlärm an: „Ein Skandal!“

Kunst Rosa Ribas, in Barcelona geboren, hat Details der damaligen Zeit ihrem Vater abgelauscht: „Damals haben die Frauen sich zum Beispiel mit Kajal Striche auf die nackten Waden gemalt, damit es aussah, als trügen sie eine teure Strumpfhose“, erzählt Ribas. Seit über 20 Jahren lebt sie nun schon in Frankfurt, lernte dort an der Universität Sabine Hofmann kennen: Die gebürtige Bochumerin studierte hier Hispanistik, arbeitete später im Fachbereich. Ihre Zusammenarbeit begann mit einer Kurzgeschichte „für die Festschrift einer Kollegin“, erinnert sich Sabine Hofmann.

Zwei Autorinnen, zwei Sprachen

Das zweiseitige, zweisprachige Schreiben reizte sie: „Wir haben die Kapitel untereinander aufgeteilt, Rosa schrieb auf Spanisch, ich auf Deutsch.“ Später übersetzten sie sich gegenseitig. Obwohl sie Plot und Kapitelinhalte festgelegt hatten, „merkt man oft erst beim Schreiben, dass eine Idee nicht funktioniert“, so Rosa Ribas. Für alle Protagonisten und Nebenfiguren einigten sie sich auf Fotos, die ihren Vorstellungen entsprachen; damit der Briefträger nicht in einem Kapitel schwarze, in einem anderen aber blonde Haare hätte. „Weil wir nunmal Bücher sehr lieben, sind darunter viele Schriftstellerporträts“, sagt Sabine Hofmann lachend – nein, Namen will sie lieber nicht nennen.

Der Mut Ana Martís, die die Polizeiarbeit unterwanderte, sich gegen die Mächte ihrer Zeit stellte, wird am Ende belohnt. Und vier Jahre später ermittelt sie schon wieder auf eigene Faust: in einem Dorf in der Provinz. Nachzulesen im zweiten Krimi des Duos Ribas & Hofmann – bisher nur auf Spanisch erschienen und recht bald auch auf Deutsch.