Das etwas andere Promi-Porträt - mit Schiefertafel

Was wir bereits wissen
Mark-Steffen Göwecke porträtiert Prominente auf ungewöhnliche Weise. 160 hat er schon getroffen und überzeugt, für ihn zu posieren.

Essen.. Was tut der da? Auf wen wartet er? Worum geht es dem? Immer wenn Mark-Steffen Göwecke irgendwo auftaucht, wo Lesungen, Theateraufführungen oder andere Veranstaltungen auf dem Programm stehen, zieht er befremdliche Blicke auf sich. Anstatt eins dieser Plakate mit „Suche Karten“ hoch zu halten, trägt er eine Schiefertafel in den Händen. Aber das graue Feld im 21 mal 14 Zentimeter-Format, umrahmt von einem abgerundeten Rahmen in Fichtenholz, das die Zeit in einen warmen Honig-Ton getaucht und arg gebeutelt hat, ist komplett leer.

Seit mehr als 20 Jahren porträtiert der Kölner Mediengestalter Prominente auf ungewöhnliche Weise. Für eine Galerie, die, momentan, immer noch virtuell ist. Sehen, wer bei Göweckes Langzeitprojekt mitgemacht hat, kann man nur im Internet. Schade eigentlich, denn das, was mit jener – damals noch blutjungen Schiefertafel – 1993 seinen Anfang nahm, wäre längst reif fürs Museum. „Ich glaube, die Tafel stammt aus Tschechien“, sagt Göwecke, „aber ganz sicher bin ich da nicht.“ In seiner einstigen WG war sie jedenfalls plötzlich da: „Und alle wurden mit ihr und einem Wort, das sie drauf geschrieben hatten, fotografiert.“

Galerie mit rund 160 Bildern von Prominenten

Aber was wäre, wenn es Menschen wären, die jeder kennt?

So fing es an. Inzwischen kann die Galerie des 50-Jährigen mit rund 160 Bildern aufwarten, die Musiker, Schauspieler, Sportler, Autoren oder Politiker so zeigen, wie sie ganz spontan rüberkommen: „Wenn jemand ja sagt, dauert die Aktion im Schnitt 30 Sekunden.“

Die Vorgehensweise ist immer die, dass Göwecke wartet, dann den Prominenten seiner Wahl anspricht – und bislang zu 80 Prozent damit Erfolg hat. Die Internet-Galerie dient weder finanziellen Interessen, noch „bin ich wild darauf, mich mit Prominenten zu brüsten.“ Vielmehr geht es Göwecke um „Momentaufnahmen eines Menschen, den wir alle kennen, und der vielleicht durch dieses Wort einen Hauch von sich selbst mehr über sich Preis gibt.“ Das Wort, das der angesprochene Promi spontan auf die Schiefertafel schreibt, sollte „im Idealfall ein Hauptwort sein, kein Verb.“ Und Vornamen, zum Beispiel von Kindern oder Lebenspartnern, sind sicher lieb gemeint, aber wenig erhellend.

Wer Göweckes Galerie betrachtet, entdeckt bei den Worten auf der Tafel (die seit Beginn immer dieselbe ist) erstaunliche Parallelen, die Neigung dazu, sich in Kürze zu charakterisieren, Aufrufe, Professionen, Geständnisse, Wünsche, aber auch Verlegenheitslösungen oder sogar Vermächtnisse. Frank Schirrmacher schrieb, kurz vor seinem Tod, „Sonne“ auf die Tafel, der ebenfalls verstorbene Fotograf Will McBride hielt „Berlin“ als einen der wichtigsten Orte seines Schaffens für bemerkenswert, und Dieter Pfaff (1947-2013) fand „Liebe“ ebenso wichtig wie Sandra Maischberger, Fritz Pleitgen oder Bärbel Schäfer. Wenn bei WestBam „Partymacher“ auftaucht, ist das eine Professionsbeschreibung, ebenso wie bei „Element of Crime“-Macher Sven Regener („Musik“).

„Liebe“, „Glück“, „Hund“

Eine Lanze für „Freiheit“ brechen Ulrich Wickert, Giovanni di Lorenzo oder Franz Müntefering, als Sympathisanten des besten Freundes des Menschen („Hund“) outen sich Cornelia Funke und Christiane F. („Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“). Jürgen Drews legt mit „semper aliquid haeret“ (Irgendwas bleibt immer hängen) humanistische Bildung an den Tag, Elke Heidenreich hält’s mit Goethe („Knabenmorgenblütenträume“) und Harald Glööckler stöhnt ein „Gott“ mit Ausrufungszeichen und doppelter Unterstreichung auf die Tafel. Wer dabei annimmt, dass sein Make-Up misslungen ist, denkt Böses.

Daniel Cohn-Bendit macht sich für „Europa!“ stark, Ingrid Noll wünscht sich „Sommerferien“ und wenn Armin Maiwald, als Vater von „Die Sendung mit der Maus“, stattdessen ausgerechnet „Elefant“ auf die Tafel schreibt, dann nur darum, weil der Geburtstag hatte.

In 20 Jahren hatte Göwecke viele schöne Erlebnisse, aber auch solche, die „mich dann ein bisschen frustriert zurück gelassen haben.“ Während Max Moor für ihn eine wahrlich hinreißende Pose („ICH“) einnahm, sich Literaturkritiker Denis Scheck („ÜBERSETZUNG“) mitten auf der Frankfurter Buchmesse auf den Boden warf und Götz George, ganz Profi, befand „Hier nicht!“, um sogleich eine um die Ecke gelegene Treppe anzusteuern („Glück!“), gab es auch solche Wunschkandidaten, die unentwegt auf ihr Pressebüro verwiesen, sich Sorgen um die Weiterverwertung machten oder kategorisch erklärten: „Mach’ ich nicht!“

Mitunter hat Mark-Steffen Göwecke hart um so manches Bild ringen müssen. Umso süßer war der Sieg, wenn er es dann doch geschafft hat. Alles in allem, so sagt er, „sind Prominente auch nur normale Menschen. Und wenn ich denen das, was ich mache, sachlich erkläre, auch ganz, ganz tolle Menschen.“

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