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Das Bolschoi-Ballett ist eine Schlangengrube

23.01.2013 | 18:13 Uhr
Das Bolschoi-Ballett ist eine Schlangengrube
Sergei Filin (Mitte), verlor sein Augenlicht. Viele sind sicher, dass er gezielt angegriffen wurde, aufgrund seiner Rolle am Bolschoi.Foto: Mikhail Metzel/AP

Moskau.   Die Skandale am Moskauer Bolschoi-Ballett haben in Russland eine Debatte um das Renommier-Theater ausgelöst. Es gibt schon lange ein Hauen und Stechen unter den über 300 Tänzerinnen und Tänzern am gößten Haus seiner Art in Russland. Intrigen haben sich zum Dauerkrieg ausgewachsen.

Ein Großteil der Tänzer trug Trainingsanzüge, als Generaldirektor Anatoli Iksanow am Dienstagabend die Interimschefin Galina Stepanjenko vorstellte. Neben ihm standen Kulturminister Wladimir Medinski und einige gewichtige Herren in dunklen Maßanzügen, Mitglieder des Kuratorenrates. Alle machten feierliche Mienen.

Dabei soll die Tanzpädagogin Stepanjenko das Ballett des Moskauer Bolschoi-Theaters nur wenige Monate leiten, bis Ballettmeister Sergei Filin nach dem Säureattentat vom vergangenen Donnerstag wiederhergestellt ist. Aber ohne Pathos geht im „Staatlichen Akademischen Großen Theater“ oder kurz dem „Bolschoi“ gar nichts.

Das Bolschoi - letztes imperiales Symbol Russlands

Sergei Filin wurde am Mittwoch wieder operiert, die Ärzte kämpfen um die Rettung seiner von Schwefelsäure verätzten Augennetzhäute. Währenddessen entwickelt sich das öffentliche Rätselraten um mögliche Täter zur moralischen Grundsatzdebatte. „Das Bolschoi Theater hat schon immer widergespiegelt, was in der Gesellschaft passiert“, kommentiert der Fernsehsender TV-Rain.

Das Bolschoi ist mehr als nur ein Theater. „Neben den Atomraketen und dem Sitz im UN-Sicherheitsrat ist es das letzte imperiale Symbol Russlands“, erklärt der Politologe Stanislaw Belkowski unserer Zeitung. Zum Kuratorenrat gehören neben den Stahl- und Ölmilliardären Viktor Wechselberg und Alexei Mordaschow Putin-Kumpel wie Duma-Chef Alexander Schukow. Auch wenn Putins „Zarenloge“ bei vielen Premieren leer bleibt, um sie herum versammelt sich regelmäßig Moskaus Geld-, Macht- und Klatschelite.

Hintergrund
Säureattentat auf Moskaus Ballettchef

Der wohl mächtigste Ballettdirektor Russlands, Sergej Filin, wurde Opfer eines Säureattentats. Der 42-Jährige kämpft nach der Attacke um sein Augenlicht. In Russland hat der künstlerische Leiter des weltbekannten Bolschoi-Balletts viele Neider.

Montierte Pornofotos und „widerliche Kloake“

Schon sowjetischen Lebemännern galt ein Stelldichein mit einer Ballerina des Bolschois als besonderer Erfolg. Schon damals mischten Partei- und KGB-Mächtige bei der Besetzung neuer Balletts eifrig mit. In den vergangenen Jahren aber verdichteten sich die Intrigen zu einem permanenten Kleinkrieg hinter den Kulissen. 2005 wurde die Prima Ballerina Anastasija Wolotschkowa gefeuert, angeblich wegen Übergewichts. „Durchgeschnittene Schuhriemen und mit Autolack übergossene Premierenkostüme waren alltäglich“, sagt Wolotschkowa. Ihr Partner Jewgeni Iwantschenko sei 2003 zusammengeschlagen worden, um zu verhindern, dass er den Schwanensee mit ihr tanzte.

2008 mobte die Truppe den damaligen Chefchoreographen Alex Ratmanski mit einem Probenstreik weg. 2011 erschienen im Internet massenhaft montierte Pornofotos des Solisten Gennadi Janins, der für denselben Posten vorgesehen war, aber wegen des Skandals kündigte. Damals verdächtigten viele Sergei Filin, der den Job bekam. Aber vergangenen Dezember hagelte es im Internet getürkte Mails Filins, die ihn als schwul hinstellten, er wurde mit Telefonanrufen und zerstochenen Autoreifen terrorisiert, dann spritzte ihm jemand die Schwefelsäure ins Gesicht.

„Sergeis Unglück ist kein Zufall“, bloggt Ratmanski. „Eine widerliche Kloake macht sich an die Künstler heran: Spekulanten, die mit Eintrittskarten handeln, halbverrückte Fans, die bereit sind, den Konkurrenten ihrer Idole die Kehle durchzuschneiden, Internethacker und eine verlogene Presse.“

Filins Ersatz ist seine Exfrau

Die 2011 vollendete Rekonstruktion der Großen Bühne des Theaters kostete statt geplanter 500 Millionen Euro über 800 Millionen. Starsolist Nikolai Ziskaridse schimpfte hinterher, die Übungssäle seien so niedrig, dass man keine Tänzerin heben könne. Ziskaridse gilt als Haupt der Opposition im Theater gegen Direktor Iksanow, den auch berühmte Regisseure und Schauspieler anderer Theater mit einem offenen Brief an Putin Front angriffen.

Das Moskauer Bolschoi-Theater. Im traditionsreichen Theater wird seit 1820 getanzt, letztes Jahr wurde es runderneuert. (Foto: AFP)

Diese Schlacht ist noch nicht entschieden. „Kein Wunder, dass im Fall Filin die absurdesten Verdächtigungen laut werden“, sagt der Ballettkritiker Pawel Jaschtschenkow. Als Täter werden beleidigte schwule Liebhaber gehandelt, Solisten, denen Filin angeblich lukrative Auslandsauftritte verbot, aber auch Ziskaridse oder Iksanow.

Gut möglich, dass demnächst auch Filins Ersatz Galina Stepanjenko verdächtigt wird. Denn sie profitiert nicht nur von seinem Unglück, zumindest für ein paar Monate. Sie ist auch noch seine Exgattin. „Die Ethik, die unserem Theater mangelt“, klagt Pressesprecherin Jekaterina Nowikowa öffentlich, „scheint dem ganzen Land zu fehlen.“

Stefan Scholl



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