Das ABC des Begehrens als Episoden-Drama

„Eine Komödie über Sex“ – der Untertitel von Josh Lawsons Ensemble- und Episodenfilm „Der kleine Tod“ verströmt eine fast schon putzige Harmlosigkeit. Wer sich noch an Woody Allens frühe Arbeiten erinnert, denkt nun wahrscheinlich sofort an „Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten“, der in den 70er-Jahren die damals so erfolgreiche Sexualkunde-Mode ironisch ins Visier nahm.

Auch der australische Schauspieler Josh Lawson spielt in seinem Regiedebüt mit (populär-)wissenschaftlichen Einlassungen. Jedes der Kapitel, in das er sein Porträt des Lebens in den Vorstädten von Sydney eingeteilt hat, wird durch lexikalische Einträge zu erotischen Fetischen eingeleitet. So erfährt der Zuschauer unter anderem, dass sich hinter „Dacryphilie“ ein sexuelles Begehren verbirgt, das seine Erfüllung allein in den Tränen des Partners findet. Also setzt Rowena (Kate Box) alles daran, Richard (Patrick Brammall) zum Weinen zu bringen. Dafür ist ihr so ziemlich jedes Mittel recht.

Natürlich haben die erotischen Spielarten, die Josh Lawson seine Figuren ausleben lässt, immer auch ein komödiantisches Potenzial. Allerdings schöpft der Filmemacher das nur bedingt aus. Jede einzelne Geschichte kippt früher oder später um. Die Geister, die Lawsons Figuren mit ihren Fantasien und Obsessionen rufen, wachsen ihnen schließlich über den Kopf.

Die teils skurrilen und teils auch überraschend romantischen Episoden brechen zwar mit dem einen oder anderen Tabu. Aber so freizügig und tolerant, wie sich Lawsons Regieerstling gibt, ist er am Ende gar nicht. Die einzelnen Erzählungen fügen sich zu einem Panorama einer Gesellschaft zusammen, die aus den Fugen geraten ist: Libertinage als Symptom einer allgegenwärtigen Dekadenz. Da war Woody Allen vor mehr als 40 Jahren weitaus liberaler.