Darwinismus: Der emporgekommene Affe
30.03.2009 | 07:46 Uhr 2009-03-30T07:46:00+0200
Essen. "Gene können nicht egoistisch sein" - ein Gespräch mit dem Bio-Philosophen Prof. Dr. Hans Werner Ingensiep über das Wesen und die Grenzen des Darwinismus, aufrecht gehende Würmer und Glück als Antriebsfaktor.
Wenn wir in diesem Jahr Darwin feiern, was feiern wir dann eigentlich?
Ingensiep: Einen Kult! Für die Naturwissenschaftler ist Darwin Kult, eine Identifikationsfigur, die, wie Kopernikus oder Galilei, ein neues Weltbild eingeläutet hat. Dabei wird vergessen, dass auch Darwin Mitstreiter und Vorläufer hatte wie Lamarck oder sogar Empedokles. Er versammelte neues Wissen und verband die längst verbreitete Evolutionstheorie mit dem Gedanken der natürlichen Selektion. Daher war er nicht der Begründer der Evolutionstheorie, sondern der Selektionstheorie. Außerdem tut der Kult um das Genie Darwin so, als sei alles, was er gesagt hat, klar bewiesen. Was man so nicht behaupten kann. Naturwissenschaftler halten Darwins Theorie für wahr und empirisch, zumindest nicht widerlegt. Aber manche Geistes- oder Kulturwissenschaftler würden entgegnen, es sei Ideologie, die in die Natur hineinprojiziert wird. Beispielsweise eine Projektion des Kampfs ums Dasein im viktorianischen Kapitalismus auf die organische Natur, wie Marxisten meinten.
Die darwinischen Thesen haben sich zu einer Art Übertheorie entwickelt. Nicht nur die biologische Ausstattung des Menschen, auch seine Kultur wird mittlerweile durch Selektion, Mutation, Adaption zu erklären versucht. Wo liegen hier Ihrer Meinung nach die Grenzen?
Ingensiep: Das Selektionsprinzip auf die kulturelle Entwicklung zu übertragen, halte ich für höchst problematisch. Schlicht und einfach, weil in der Kultur Neues entsteht, Ideen entstehen. Und diese Ideen leiten Menschen als Zielvorstellungen in bestimmte Richtungen. Dies alles unter selektionistischen Anpassungsbedingungen zu betrachten wäre Hyperselektionismus. Dass bei den Anfängen der Kultur – Stichwort Werkzeuggebrauch – die genetische Disposition eine Rolle spielt, sei unbestritten. Doch in dem Moment, wo Sprache, Kommunikation, soziale Interaktion etc. entstehen, folgt der Mensch nicht mehr bloß blindem Zufall.
// Hans Werner Ingensiep, geboren 1953, ist promovierter Biologe, habilitierter Philosoph und Wissenschaftshistoriker an der Universität Duisburg-Essen. Zahlreiche Publikationen zur Philosophie der Biologie, zuletzt (mit Heike Baranzke) »Das Tier«, ein Kompendium der Tierphilosophie und Tierethik. //
Das heißt, der Mensch tritt ab einem bestimmten Punkt heraus aus der Evolution?
Ingensiep: Ja, das kann man so sagen. Er ist ein emporgekommener Affe, der kreativ sein geistiges Potenzial nutzt. In welche Richtung das geht, ist offen.
Unbestritten hat sich das Gehirn evolutionär entwickelt, angepasst an den Mesokosmos, die Welt der mittleren Dimensionen, in der wir nun mal leben. Von daher spricht einiges dafür, dass auch all die Hervorbringungen dieses Gehirns Produkte der Evolution sind.
Ingensiep: Das halte ich für Quatsch. Im Wörtchen »all« liegt der Fehler. Das Gehirn mag in seiner Disposition auf einen Mesokosmos ausgerichtet sein. Aber wieso haben wir den Mikrokosmos oder den Makrokosmos entdeckt? Dazu bedarf es neuer Ideen und kreativer Kombinationen. Wir sind eher minimal durch unser Gehirn angepasst, nicht optimal. Die neuen Ideen, die wir mit dem Gehirn produzieren, die sind nicht genetisch programmiert.
Wenn der Philosoph und Soziobiologe Eckart Voland behauptet, das Kant’sche Apriori sei eine evolutionär angepasste Gehirnfunktion, dann halten Sie das also für falsch?
Ingensiep: Abgesehen, dass hier ein Missverständnis von Kant vorliegt, mag man behaupten, dass bis zu einer bestimmten Entwicklungsstufe, bis hin zum Neandertaler meinetwegen, das Gehirn gewisse Vorstellungen von Raum und Zeit und »Kausalität« gewonnen hat – wenn es blitzt, muss ich wegrennen. Aber darüber hinaus haben wir das Kausalprinzip erkannt, siehe Kant. Oder, dass es manchmal sinnvoll ist, mit diesem Prinzip zu arbeiten, manchmal nicht, etwa in der Quantenphysik. Das alles sind keine Anpassungserscheinungen im Sinne der Darwin’schen Evolution, sondern neue kulturelle Erfindungen. Nichts, was in den Genen liegt. Die Fähigkeit zu zählen vielleicht, aber nicht die Riemann’sche Theorie einer nichteuklidischen Geometrie.
Wenn die Evolution auch für die Menschwerdung gilt, stellt sich die Frage nach dem selektiven Nutzen der Ethik. Der wird von Einigen durchaus bejaht: Es gebe einen Vorteil für diejenige Population, deren Individuen »altruistisch« handeln.
Ingensiep: So kann man denken, solange man von Emotionen spricht, die einen antreiben, moralisch zu handeln. Wenn ein Schimpanse ins Wasser springt, um ein Junges zu retten, dann lässt sich das sicher durch die Annahme von »altruistischen« Emotionen erklären, die in einer sozialen Gruppe die Bindung stärken.
Außerdem rettet ein solches Tier dadurch möglicherweise einen Teil seiner eigenen Gene.
Ingensiep: Ja, soziobiologisch könnte ein solches Verhalten so erklärt werden. Aber auch nur, solange man von Emotionen spricht. Nicht mehr, wenn man von der Reflexion auf ein Prinzip spricht. Dass wir Weltbürger sind, die beispielsweise in der jetzigen Krisensituation reflektieren, was zu tun ist, das würde man wohl kaum soziobiologisch als evolutionär stabile Strategie, die die Fitness maximiert, interpretieren können. Sondern als Produkt vernünftiger Reflexion, nicht als Produkt eines Gens.
Im moralischen Sinne gut handeln wird im limbischen System mit Wohlbefinden belohnt. Könnte man nicht insofern doch von einer genetischen Veranlagung zur Moral im Menschen sprechen?
Ingensiep: Wenn wir Ausdrücke wie Altruismus oder Egoismus von Genen benutzen, müssen wir uns dessen bewusst sein, dass es sich um Metaphern handelt, die wir an die Natur, an die Gene herantragen. Unabhängig von der Frage, was ein Gen ist – das zu definieren ist heute sehr schwierig geworden. Wenn der Darwinist Richard Dawkins also postuliert, der Mensch sei eine Maschine, welche durch »egoistische Gene« determiniert sei, sich selbst zu reproduzieren, dann ist das Blödsinn. Dann wird er zum Opfer seiner eigenen Metapher. Gene können nicht egoistisch sein, weil Egoismus das Wissen um die Bedeutung des Begriffs, seines Gegenteils usw. voraussetzt. Ähnlich albern ist die Behauptung der Existenz von Gottes-Genen.
Zur Auflockerung ein paar Quizfragen an den Biologen in Ihnen: Welchen evolutionären Vorteil hat es, dass uns der Duft von Rosen gefällt?
Ingensiep: Für uns hat es keinen. Es mag aber sein, dass es für die Rosen einen Vorteil hat. Nämlich von uns so hochgezüchtet zu werden, dass ihre Gene heute weltweit verbreitet sind. Kein Restaurant ohne Rosenverkäufer! Dumm für die Rosen ist nur, dass sie dabei in eine totale Abhängigkeit vom Menschen geraten sind.
- Ernst Peter Fischer: Der kleine Darwin. Alles, was man über Evolution wissen sollte; München 2009.
- Sean B. Carroll: Evo Devo. Das neue Bild der Evolution; Berlin 2008
Warum hat die Evolution nicht das Glück hervorgebracht?
Ingensiep: Oh, das stimmt ja gar nicht. Darwin war der Meinung, dass trotz allen Kampfes in der Natur das Glück überwiegt. Die positive Selbsteinstellung zu sich selbst, das heißt zu hoffen, dass man am Ende glücklich ist, das ist ein wesentlicher Antriebsfaktor.
Zurück an den Katheder: Darwin hat das Telos aus der biologischen Entwicklung getilgt. Welche Folgen hatte dies?
Ingensiep: Das ist ein wichtiges Prinzip, durch das Darwin bis heute fruchtbar geblieben ist. Die Vorstellung einer aufsteigenden Hierarchie vom Anorganischen über Pflanze und Tier bis hin zum Menschen, diese vertikale Ordnung, die im abendländischen Denken seit 2.500 Jahren bestand, ist durch Darwin in eine horizontale, egalitäre Gemeinschaft umgewandelt worden. Nach Darwin kann daher der sogenannte Speziesismus keine Berechtigung mehr haben, also die Auffassung, dass eine Art – die unsere – den anderen Arten überlegen ist und über diese herrscht. Moderne Ethiker wie Peter Singer knüpfen daran weitreichende Forderungen: Alle empfindungsfähigen Wesen bilden eine Gemeinschaft, weil sie gleiche Interessen wie z. B. das Streben nach Leidfreiheit verfolgen. Daher sollen wir die Tiere in den ethischen Club aufnehmen.
Die Evolution kennt kein Ziel. Wie ist da die Tendenz zu immer komplexeren Organismen zu erklären?
Ingensiep: Zuerst entsteht ein genetischer Baukasten, z. B. mit sogenannten Hox-Genen, mit denen Einfaches und Komplexes herzustellen ist, wie bei Lego-Steinen. Dann wird der Bausatz verdoppelt (ich kaufe einen zweiten Karton Legosteine) und neue Möglichkeiten eröffnen sich: Ich baue ein Körpersegment nach dem anderen wie beim Wurm, baue dann Stummelfüße an jedes Segment zur Fortbewegung, modifiziere ein Segment am Vorderpol zu Antennen usw. (ich baue multifunktional mit denselben Lego-Steinen etwas Anderes, Komplexeres). Nach und nach entsteht so eine segmentierte, zweiseitige, symmetrische Schlauchkonstruktion – ein Trick, mit dem wir Tiere groß geworden sind. Der »Stummelfüßer« könnte auch erklären, warum im Kambrium die Vielfalt der Tierweltbaupläne praktisch ohne Vorformen in relativ kurzer Zeit entstand. Die Wissenschaft, die sich neuerdings mit der Beziehung zwischen Genetik und Evo-lution befasst, heißt Evo Devo (Evolutionary Development Biology).
Es gibt also doch eine Richtung, die hin zur Komplexität?
Ingensiep: Komplexität ja, aber was heißt hier Richtung? Richtung qua Ziel entsteht erst, wenn wir einen Endpunkt als absoluten Maßstab ansetzen. Der Baukasten weiß aber nicht, wohin er baut, ist kein planender Ingenieur, sondern mehr ein wilder Bastler.
Waltet denn da eine gewisse binnenlogische Notwendigkeit?
Ingensiep: Ja, insofern ein Baukasten nur mit dem arbeiten kann, was er hat. Ich kann die Legosteine nicht falsch montieren. Richtig zusammengesetzt, bilden sie funktionsfähige Segmente, eins hinter dem anderen wie beim Wurm. Dieses Prinzip führt zum nächsten Punkt. Wenn ich etwas fressen will, muss ich mich auf etwas zu bewegen. Wenn ich das tue, benötige ich Sinnesorgane, und zwar vorn am Nahrungspol, wo ich die Beute hineinstecke. Der wird also als Sinnespol zur Umweltbeobachtungszentrale ausgebaut und viel später zu unserem Kommunikationspol, der Basis von Subjektivität. So betrachtet sind wir aufrecht gehende Würmer, die einstige Fortbewegungsorgane zu werkelnden Händen umfunktioniert haben.
Interview: Ulrich Deuter / erschienen im K:WEST Ausgabe März 2009
20:22
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20:21
Hätte Herr Ingensiep sich tatsächlich die Mühe gemacht, Das Egoistische Gen von Richard Dawkins zu lesen, wüsste er auch, dass dieser Ausdruck nicht wörtlich gemeint ist, diese Metapher wird fast ein ganzes Kapitel lang erschöpfend erklärt.
So entlarvt Herr Ingensiep nur eindrucksvoll seine eigene Unkenntnis, denn mehr als den Titel hat er sich wohl nicht angeschaut.
23:42
Wer hat Oskar Lafontaine erschaffen, waren es die Affen, nein es waren Raffer und deshalb möchte ich lachen. Na, mal im Ernst, da ist doch ein Stück Wahrheit dran, bis dann.
21:42
und wer hat die FDP erschaffen? richtig, das Antigen!
21:09
In Schöpfung und Evolution gibt es keinen Widerspruch! Basta!
21:01
Schöpfung und / oder Evolution ? Beides !
I. Die Sichtweise der Neo-Darwinisten
[...] Nach Charles Darwin ist der Mensch das höchst entwickelte Tier. So darf man sich nicht wundern, dass die Biologen, insofern sie der reinen Evolutionstheorie anhängen, keine wirklich substanziellen Unterschiede zwischen dem Menschen und seinem nächsten Artgenossen, dem Schimpansen, mehr gelten lassen. In diesem Sinne ist auch die Forderung aus dem Kreis der Neo-Darwinisten zu verstehen, die sogar „Menschenrechte für Menschenaffen“ auf juristischem Weg erstreiten wollen.
[...] Heute geht die Hirnforschung bereits davon aus, dass alle, auch die höchsten mentalen Funktionen, auf neuralen Prozessen beruhen, die alleine den Naturgesetzen gehorchen. Seele und Willensfreiheit in einem metaphysischen Sinn, sind für die Naturwissenschaften nicht existent. Wo aber keine Willensfreiheit, da keine Sünde, kein Bereuen und keine persönliche moralische Verantwortung; eine Argumentationskette, die sich solange verfeinern ließe, dass sie bis zur Leugnung jeder Wertordnung fortgeführt werden kann und letztlich in der totalen Verneinung des christlichen Weltbildes ihr Ende finden würde.
II. Der Mensch im christlichen Verständnis
[...] Christen haben natürlich andere Vorstellungen vom Menschen. Mag die Neurowissenschaft den Glauben an einen Gott im Hypothalamus – dem Zentrum des vegetativen Nervensystems im Gehirn – lokalisieren, so sind für Christen Nächstenliebe und die Botschaft von Jesus Christus jedenfalls keine Ergebnisse der Chemie und der Hormone. Im Mittelpunkt des Christentums steht die Seele als die geheimnisvolle Brücke zwischen Gott und der menschlichen Natur.
[...] Das „Geheimnis des Menschen“ liegt weder in seiner Biologie noch finden wir es in seinem Intellekt oder in seinem Fühlen und Wollen.
[...] Das „Geheimnis des Menschen“ liegt in seiner göttlichen Herkunft.
[...] Die Seele des Menschen ist sein transzendentales Ich, seine göttliche Natur, die ihn über ein rein biologisches Wesen hinaushebt. Durch seine Seele nimmt der Mensch Anteil am göttlichen Sein. Es ist die Seele, die dem Menschen Unsterblichkeit verleiht und in der Verschränkung seiner beiden Naturen erst die Ganzheit des Menschen stiftet. Außer ihrer Göttlichkeit hat Seele keine anderen „Eigenschaften“. Die Seele ist der Schlüssel zu Gott und kein Steuerungsorgan von Bewusstseinsvorgängen. Insofern kann sie auch nicht lokalisiert werden, weder im Großhirn noch im Kleinhirn noch irgendwo sonst. Ohne Seele wäre der Mensch ein Tier mit Geist und großem Denkvermögen. Um Wissenschaft zu betreiben, bedarf es keiner Seele, auch nicht um Musik zu komponieren, Theaterstücke oder Bücher zu schreiben. Menschen ohne Seele wären durchaus vorstellbar. Die menschliche Seele besitzt keine dem Geist oder der Psyche vergleichbaren Eigenschaften. Seele kann sich auf Grund ihrer Immaterialität nicht „entwickeln“, somit bestehen auch keine qualitativen Unterschiede der Seelen von geistig behinderten und hochintelligenten Menschen. Körper, Geist und Psyche sind dem Tod verfallen, Seele ist unsterblich.
Alle Zitate sind entnommen dem Buch von E. Bamberger
Lichtkreise – Provokationen christlichen Denkens
20:34
Die meisten Geisteswissenschaftler die an Darwins Theorie zweifeln glauben, das die Erde vor knapp 6000 Jahren von Gott erschaffen wurde.