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Coelhos „Schriften von Accra“ - Weisheiten des Welterklärers

07.01.2013 | 17:37 Uhr
Coelhos „Schriften von Accra“ - Weisheiten des Welterklärers
Der brasilianische Schriftsteller Paulo Coelho 2010 beim Filmfestival in Cannes. Foto: afp

Essen.  Neues von Paulo Coelho: In „Die Schriften von Accra“ kleidet der alchimistisch versierte Wortbeschwörer seine übliche Predigt neu ein. Es gibt Kürzest-Weisheiten im Sekundentakt.

Paulo Coelho, der alchimistisch versierte Wortbeschwörer, hat weltweit über 140 Millionen Leser und eine millionenfache Anhängerschaft bei Twitter und Facebook. Dass seine Kritiker trotz seines Erfolgs auf dem feinen Unterschied zwischen Quantität und Qualität beharren, reizte ihn kurz vor seinem 65. Geburtstag im vergangenen Jahr so sehr, dass er die eigenen Nächstenliebespredigten vergaß: James Joyce’ Jahrhundertwerk „Ulysses“, beschied er brasilianischen Journalisten, sei reine Stilübung – der Inhalt aber passe leicht in eine Twitter-Meldung.

Nun erscheint in dieser Woche ein neuer Coelho-Roman, der uns Kürzest-Weisheiten im Sekundentakt beschert: „Schönheit ist in allem, was die göttliche Kraft geschaffen hat.“ „Wir lieben, weil uns die Liebe befreit.“ „Es gibt im Kreislauf der Natur weder Sieg noch Niederlage.“ Als Rahmen dient Coelho die Geschichte eines Manuskripts: Es enthält die Worte eines weisen Mannes, von allen nur „der Kopte“ genannt, der im Jahr 1099 am Vorabend des Kreuzritter-Sturmes auf Jerusalem einer Gruppe von Männern und Frauen Mut zusprach. Ein wuchtiges Szenario also: die Ruhe vor dem blutigen Sturm, die jedem Wort zusätzliches Gewicht verleiht.

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Das Gespräch dreht sich um die großen Fragen – Sieg und Niederlage, Schönheit und Erfolg, Liebe und Sex, den Sinn des Lebens. Die luftig gesetzten Kapitel aber versammeln nur die üblichen Predigten Coelhos. Lässt man aus den Wortblasen die Luft heraus, bleiben Botschaften, die als Binsen selbst für Twitter zu banal wären: Liebe dich selbst, so lieben dich andere. Wahre Schönheit kommt von innen. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Coelho bleibt hinter den eigenen Maßstäben zurück – „sogar“, möchte man beinahe schreiben.

  • Paolo Coelho: Die Schriften von Accra. Diogenes, 192 S., 17,90 €

Britta Heidemann



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