Claus Leggewies Memoiren als Gang durch die Jahrzehnte

Politikwissenschaftler Claus Leggewie wird am Freitag 65 Jahre alt.
Politikwissenschaftler Claus Leggewie wird am Freitag 65 Jahre alt.
Foto: Lars Heidrich
Was wir bereits wissen
Politikwissenschaftler Claus Leggewie, der jetzt 65 Jahre alt wird, legt seine Memoiren „Politische Zeiten“ vor. Ein assoziativer Gang durch die Zeit.

Essen.. Claus Leggewie hat Multikulti nicht erfunden, aber aus New York mitgebracht. Ende der 80er-Jahre führte die Band des Freejazz-Trompeters Don Cherry diesen Namen, und so hieß dann auch bald ein Buch des Politikwissenschaftlers, der heute seinen 65. Geburtstag feiert: „Multi Kulti. Spielregeln für die Vielvölkerrepublik“. Und der Begriff, der „drei Monate lang ein Schmusewort und gefühlte dreißig Jahre lang zum Hasswort wurde“, wie Leggewie jüngst an einem Leseabend in Essen grantelte, machte Karriere.

Jaguar, Geißböcke und das Klima

Das unverbindliche Nebeneinanderher aber, das heute mit Multikulti assoziiert werde, das sei die Politik der 90er-Jahre gewesen, mit muttersprachlichem Koranunterricht, verweigerten Staatsbürgerschaften für Einwanderer und dem Dulden prekärer Arbeitsverhältnisse. Leggewie pocht heute darauf, dass er damals gemeinsam mit anderen „die Probleme, die, heute unter dem Stichwort ,Parallelgesellschaft’ notiert werden, recht genau vorhergesagt“ habe.

Zu finden sind solche Klarstellungen in Leggewies jüngstem Buch, bei dem es sich nicht um eine politische oder kulturwissenschaftliche Streitschrift handelt, sondern um Memoiren. Unter dem ungewöhnlich blassen Titel „Politische Zeiten“ (gab es je andere?) legt Leggewie darin „Beobachtungen von der Seitenlinie“ vor (C. Bertelsmann, 476 S., 19,99 €). Und an besagtem Essener Abend mit dem Autor Michael Kleeberg und dem Kulturhauptstadt-Dirigenten Oliver Scheytt erläuterte er die „sehr angenehme Position: Man ist nicht auf der Tribüne, sondern näher am Geschehen“.

Dass er den Kölner Geißböcken nahesteht, als Herold der Klimarettung dem geliebten Jaguar-Sportwagen entsagt und Kinder in sehr unterschiedlichem Alter hat, all dies erfährt man auch in den Erinnerungen, einer assoziativen Mischung aus Leben, Politik und Wissenschaft eines ‘68ers, der nur bis ‘66 so richtig bei den Protesten dabeiwar.

Seit 2007 Leiter des „Thinktank“ des Landes NRW

Seit 2007 leitet Leggewie den „Thinktank“ des Landes NRW, das Kulturwissenschaftliche Institut in Essen, und er wird es mindestens noch bis zum Ende seines Vertrags 2017 tun. Er, der mit einer „leidenschaftlichen Neugier für die Bestimmung des Menschen jenseits des bloßen Geldverdienens“ ausgestattet ist, hat das Institut fast voll und ganz auf Klimapolitik und -kultur gepolt, der Zukunft wegen. Ja, er wolle sich auch weiterhin gern für das Ruhrgebiet einsetzen, schmunzelte Leggewie jüngst auf die entsprechende Nachfrage, „aber auch für solche Kleinigkeiten wie das Weltklima.“