Christoph Waltz über das schamlose Stehlen von Ideen

Schon mit zwei Oscars geehrt. Im Film „Big Eyes“ spielt Christoph Waltz nun das Verkaufsgenie Walter Keane.
Schon mit zwei Oscars geehrt. Im Film „Big Eyes“ spielt Christoph Waltz nun das Verkaufsgenie Walter Keane.
Foto: dpa
Der Hollywoodstar aus Österreich mit dem deutschen Pass spricht über Kunst und Kitsch, seine beiden Oscars und warum jeder ein Schauspieler ist.

New York.. Vom siebten Stock des Hyatt in der 57. Straße hat man einen fantastischen Blick über Midtown New York und auf die Carnegie Hall. Christoph Waltz, der in den 70ern eine Zeitlang hier lebte, wird die Aussicht gleich ausführlich genießen. Jetzt konzentriert sich der zweifache Oscar-Inhaber erst mal darauf, für den Film „Big Eyes“ von Tim Burton Werbung zu machen, der morgen in unseren Kinos anläuft. Christoph Waltz, locker, mit Anflügen von Selbstironie und mildem Spott, liebt es, sich die Worte wie ein Stückchen Sachertorte auf der Zunge zergehen zu lassen. Dabei ist er ausgesprochen höflich.

In Big Eyes“ spielen Sie Walter Keane, einen charismatischen Hochstapler. Eine wahre Geschichte…

Christoph Waltz: … die mich überhaupt nicht interessiert. Ich habe in keiner Dokumentation mitgespielt, sondern in einem Drama, einem Film, der ein paar ausgesuchte Aspekte der conditio humana beleuchtet. Ich hasse diesen „Nach-einer-wahren-Geschichte“-Nonsens. Der Walter Keane, den ich spiele, ist natürlich nicht der wirkliche Walter Keane. Der Walter Keane, den ich spiele, hat keine Wahl: Er wird nämlich von mir dargestellt. Er hängt voll und ganz von mir ab. Ich will nie wieder gefragt werden, ob ich die Person, die ich darzustellen habe, minutiös studiert habe. Jede Rolle, die ich spiele, geht durch mich. Wird durch mich gefiltert. Natürlich hätte ich sie auch ganz anders spielen könnten. Wollte ich aber nicht. Als Schauspieler – und übrigens auch als Mensch – muss man Entscheidungen treffen.

Sie haben mit so großen Filmemachern wie Quentin Tarantino, Roman Polanski, Terry Gilliam und Tim Burton zusammengearbeitet. Gibt es etwas, was Sie – bei allen Unterschiedlichkeiten – verbindet?

Christoph Waltz: Sie alle kreieren Welten. Welten, die sich, wie Sie richtig sagen, sehr voneinander unterscheiden. Was sie alle zu echten Künstlern macht, ist, dass sie Visionen haben, von denen sie angetrieben werden. Man fühlt immer, warum diese Menschen Künstler geworden sind. Integrität und Authentizität sind da Schlüsselworte. Sie alle benutzen das Medium Film, um sich auszudrücken, mitzuteilen. Das macht sie so interessant. Für mich als Schauspieler ist es ein großes Glück, wenn ich per Anhalter für die Länge eines Films mitfahren kann.

Ist etwas, das kommerziell sehr erfolgreich ist, automatisch keine Kunst mehr? Tim Burtons Film „Alice im Wunderland“ war einer der größten Kinohits der letzten Jahre und hat Hunderte Millionen Dollar eingespielt.

Hollywood Christoph Waltz: Jetzt wird es interessant. Die Deutschen unterscheiden ja schon von jeher ganz klar zwischen „ernster Kunst“ und „leichter Kunst“, also Unterhaltung. Die Österreicher machen das nicht so sehr.

Sie haben beide Staatsangehörigkeiten. Also?

Christoph Waltz: Also was?

Würden Sie bei den Salzburger Festspielen Hugo von Hofmanns­thals „Jedermann“ inszenieren?

Christoph Waltz: Oh Gott, nein! Das ist purer Kitsch.

Haben Sie als Schauspieler schon von anderen Künstlern geklaut?

Christoph Waltz: Ich habe mich sicher nie – wie Walter Keane – mit fremden Federn geschmückt. Und ich habe mich auch definitiv nicht am Repertoire anderer Schauspieler bedient, indem ich etwa Gesten, Gesichtsausdrücke oder Sprechduktus abgekupfert hätte. Ich hatte auch als junger Schauspieler nie wirklich Idole, denen ich nacheiferte. Das ist sehr gefährlich. Wer will denn schon die Kopie, wenn er das Original haben kann?! (Lächelt süffisant) Aber ich stehle Ideen. Und das schamlos. Was immer ich brauche.

Was denn zum Beispiel?

Christoph Waltz: Glauben Sie im Ernst, ich würde Ihnen das verraten?

Splitten Sie Ihre Karriere in „vor“ und „nach den Oscars“ auf?

Christoph Waltz: Nein, es ist eine Karriere. Natürlich unterscheiden sich die Dinge, die vor den beiden Oscars geschehen sind, wesentlich von denen, die danach passierten. Der erste Oscar hob mich – zu meiner völligen Überraschung – hervor. Der zweite Oscar war eine Bestätigung, dass es dann doch wohl kein Zufall war. Beide Oscars habe ich Quentin Tarantino zu verdanken, dem ich dafür auch bis in alle Ewigkeit dankbar sein werde.