Cannes wird weiblicher

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Was wir bereits wissen
Wenn nun in Cannes das weltweit wichtigste Filmfest in seiner nunmehr 68. Ausgabe beginnt, sind gleich drei Regisseurinnen im Wettbewerb vertreten.

Cannes..  „Frauen zeigen in Cannes ihr Gesicht, Männer ihre Filme“, so klagten vor drei Jahren renommierte Regisseurinnen über den chronisch exklusiven Herrenclub von Cannes. Nur ein einziges Mal, anno 1993, stand mit Jane Campion und ihrem „Piano“ eine Frau ganz oben auf dem Siegertreppchen. Nicht minder kläglich klingt die Statistik beim Eröffnungstanz, der bislang lediglich Diane Kurys 1987 mit „Un homme amoureux“ zuteil wurde. Wenn am Mittwoch zum 68. Mal der Rote Teppich an der Croisette ausgerollt wird, steht es um die Frauenquote beim weltweit wichtigsten Filmfestival besser. Gleich drei Regisseurinnen sind in diesmal im Wettbewerb vertreten.

Catherine Deneuve eröffnet

Den Auftakt macht, außer Konkurrenz, die 47-jährige Französin Emmanuelle Bercot mit dem Sozialdrama „La tete haute“, in dem eine Jugendrichterin einen Kleinkriminellen auf den rechten Weg bringen will. Welch ein Unterschied zum Vorjahr, als die Adels-Schmonzette „Grace of Monaco“ zum fulminanten Fehlstart geriet: „Die Wahl des Films mag überraschen. Doch wir wollten das Festival mit einem etwas anderen Film eröffnen“, kommentiert Cannes-Chef Thierry Frémaux den aktuellen Wandel zur realistischen Milieustudie. Der Auftritt von Catherine Deneuve dürfte gleichwohl für reichlich Blitzlichtgewitter am Premierentag gesorgt sein.

Weniger überraschend als die Frauenquote ist der Anteil französischer Filme im diesjährigen Programm. Unter den 77 Beiträgen in allen Sektionen finden sich 19 Werke des Gastgebers, das ist ein stolzes Viertel des Cannes-Kuchens. Im Wettbewerb starten gleich fünf Franzosen im Rennen um die „Goldene Palme“ – davon können die Deutschen nur träumen. In den letzten 30 Jahren war das heimische Kino bescheidene zehn Mal im Wettbewerb des weltweit wichtigsten Festivals vertreten. Der letzte Wenders ist bereits sieben Jahre her. Trotzig verweisen die hiesigen Kulturpolitiker auf Koproduktionen, auf Nebenreihen oder Kurzfilme. Als bitterer Trost bleibt, dass Spanien und England bei dieser Olympiade des Weltkinos gleichfalls nicht gesetzt sind. Selbst Stammgast Stephen Frears fehlt überraschend mit seinem Drama über den „Tour de France“-Radler Lance Armstrong.

Von Jane Fonda bis Cate Blanchett

Unter den 19 Beiträgen im Wettbewerb dominieren Familiengeschichten. Der japanische Meisterregisseur Hirokazu Koreeda erzählt in „Our Little Sister” eine Geschichte von drei Mädchen, denen eine Halbschwester das Leben schwer macht. „Palmen“-Besitzer Nanni Moretti schildert in „Mia Madre“ das Drama eines Regisseurs, der mit der tödlichen Krankheit seiner Mutter konfrontiert wird. Sein Landsmann und Oscar-Preisträger Paolo Sorrentino schickt in „Youth” zwei Senioren in die Berge – zur Starbesetzung zählen Michael Caine, Harvey Keitel und Jane Fonda. Als dritter Italiener im Wettbewerb adaptiert der zweifache Cannes-Gewinner Matteo Garonne mit „Tale of Tales“ die Märchenerzählungen von Giambattista Basile.

An Liebe herrscht diesmal gleichfalls kein Mangel. „Polisse“-Regisseurin Maiwenn präsentiert mit „Mon Roi“ eine amour fou-Geschichte, Isabelle Huppert und Gérard Depardieu geben im „Tal der Liebe“ ein Pärchen, das nach dem Tod ihres Sohnes wieder zusammenfindet und Todd Haynes lässt Cate Blanchett und Rooney Mara als lesbisches Paar in seiner Patricia Highsmith-Verfilmung „Carol“ auftreten.

Bei so viel Amore darf Woody Allen nicht fehlen. Bei ihm verliebt sich in „Irrational Man” ein Philosophie-Professor in eine junge Studentin. Wie üblich geht der 79-Jährige Altmeister außer Konkurrenz ins Rennen. Das macht diesmal auch Skandal-Filmer Gaspar Noé mit „Love“, einer Dreiecksgeschichte, die freizügige Sex-Szenen verspricht. Um den Rummel zu steigern, wird das Werk werbewirksam erst um Mitternacht gezeigt – ein klassischer Coup à la Cannes.