Das aktuelle Wetter NRW 15°C
Literatur

Büchner-Preisträgerin Felicitas Hoppe - Kobold des Wortes

26.10.2012 | 17:34 Uhr
Büchner-Preisträgerin Felicitas Hoppe - Kobold des Wortes
Die Schriftstellerin Felicitas Hoppe hat den Büchner-Preis erhalten.Foto: Tobias Bohm

Essen.  Die 51-Jährige Felicitas Hoppe ist ein Kobold des Wortes, eine Fantasiereisende. Jetzt nimmt sie den renommierten Büchner-Preis entgegen. Zuletzt erschien ihre Traumbiografie „Hoppe“. Darin erfindet sie sich eine Kindheit in Kanada und Australien. Ein Porträt.

Felicitas Hoppe ist jung, für eine Büchner-Preisträgerin allemal. Wenn die 51-Jährige nun Deutschlands renommiertesten Literaturpreis entgegennimmt, steht sie in einer Reihe mit den ganz Großen: Elfriede Jelinek und Günter Grass, Ingeborg Bachmann, Heinrich Böll oder Christa Wolf gehören ebenfalls zu den bisher Geehrten. Felicitas Hoppe aber, die sprachverspielte Fantasiereisende, war bisher eher Feinschmeckern ein Begriff. Wie praktisch, dass ihr jüngster Roman eine Autobiografie ist; der schlichte Titel lautet: „Hoppe“.

Staunend erfahren wir hier: „Die Hamelner Kindheit ist reine Erfindung.“ Nicht in der Rattenfängerstadt wächst Hoppe auf, wie wir bis dato glaubten – sondern in Kanada. Ihre Eishockey-Künste tragen ihr den Spitznamen „Superpuck“ ein. Mit ihrem Vater, einem Patent­anwalt, zieht sie weiter nach Australien und wird Dirigentin, später lebt sie in Amerika als Deutschlehrerin und, dann doch, Schriftstellerin. Hoppe schreibt über Hoppe in der dritten Person, zitiert Kommentatoren (die ihre „Selbstrettungsprosa“ anprangern) und streut als „fh“ eigene Anmerkungen ein: „(hier meint fh offenbar sich selbst/fh)“.

Was für eine Rattenfängerei!

Natürlich hat Hoppe sich „Hoppe“ ausgedacht. Die Fantasie ist der Stoff, aus dem ihre Geschichten sind. Träume und Wünsche sind für Hoppe Bestandteil des Lebens. Schon in Hoppes erstem Roman „Pigafetta“ heißt es: „Aber es ist nichts erlogen, ich habe alles ehrlich erfunden.“ Hoppe wurde nie „Superpuck“ gerufen, ist aber einer: ein Kobold des Wortes, der mit allen gefrorenen Wassern gewaschen ist. In „Pigafetta“ etwa wird eine reale Schiffsreise zur Folie einer weltumspannenden Märchenstunde. Die Erzählungen „Picknick der Friseure“ und der Roman „Paradiese, Übersee“ sind bevölkert von Rittern und Pilgern. In „Johanna“ schickt sie Fräulein von Orleans ins Hier und Heute. Die Historie ist Hoppes Element, die Recherche Teil ihrer Arbeit. Nur tut sie beim Schreiben alles, das Recherchierte gründlich zu vergessen.

Hüpfendes Biografie-Spiel

Was ihr begegnet auf ihren Wegen, das wird Literatur. Oft habe sie das Gefühl, „überinspiriert zu sein“, sagte sie in einem Interview. Seit „Pigafetta“ gilt Hoppe als Reiseschriftstellerin; dabei sieht sie sich sie eher als „reisende Schriftstellerin“, die viel unterwegs ist, sich um reale Geografie im Werk aber wenig schert. Kritiker haben Felicitas Hoppe vorgeworfen, sie mache das Schelmenstück, das Maskenspiel zum Dogma. Hoppe wolle, so Ijoma Mangold in der „Zeit“, „das Drehen von Locken auf einer Glatze zum wahren poetischen Glaubensbekenntnis erklären“. Stimmt das? Vielleicht ruft sie, die ihre Sätze wie ein Trampolin spannt, beim Salto tatsächlich ein wenig zu laut, „Schaut her, so geht das!“ Auch ist ihr sprunghaftes Erzähl-Spiel zuweilen ermüdend zu lesen. Keinesfalls aber ist es Kunst um der reinen Kunst willen. Wie Hoppe ganz richtig in Hoppe hineininterpretiert, dient ihr der „immer wiederkehrende Gestus des Abbiegens, Entwischens, Verschwindens und Abbremsens“ als „Möglichkeit der Wahrheitsfindung“. Es ist ja ganz erstaunlich: Hoppe kann die Figur Hoppe aufs Eis schicken oder ans Dirigentenpult – am Ende aber erkennt die Autorin (sich) selbst: „Hoppe bleibt Hoppe.“

Was ist der unveränderbare Kern unserer selbst? Könnten unsere biografischen Umstände, könnte unser Leben nicht auch ganz anders sein? Vielleicht ist der Büchnerpreis für Felicitas Hoppe Ausdruck einer Sehnsucht: nach Geschichten, die das Träumen wieder erlauben.

Britta Heidemann



Kommentare
Aus dem Ressort
„I AM“ erzählt vom Ersten Weltkrieg auf den Fiji-Inseln
Ruhrtriennale
Ein Requiem der besonderen Art. Wie weit der Erste Weltkrieg nach Menschenleben griff und Existenzen vernichtete, erzählt eine Tanz-Produktion der Ruhr Triennale. 100 Jahre nach 1914 beschreibt „I AM“, wie die Vernichtung selbst kleine Inselvölker auf der anderen Seite der Erde erreichte.
Lieberberg darf sein Festival doch "Rock am Ring" nennen
Rock-Festival
Erfolg für Konzertveranstalter Marek Lieberberg: Der "Rock am Ring"-Macher darf sein Festival auch nach dem Weggang vom Nürburgring weiter so nennen. Das hat das Oberlandesgericht Koblenz am Freitag entschieden. Wo das Festival im kommenden Jahr stattfindet, steht noch nicht endgültig fest.
"Bang Boom Bang" - der Ruhrpott-Kultfilm feiert Geburtstag
Kultfilm
15 Jahre ist es her, das die Ruhrgebietskomödie „Bang Boom Bang“ auf den Kinoleinwänden gezeigt wurde. Als Kleinganove „Schlucke“ ist Martin Semmelrogge bei vielen Fans unvergessen. An die Dreharbeiten erinnert sich der Schauspieler, als ob es gestern gewesen wäre.
Nach Kunstverbot - "Museumsbesuch mit Risiko" in Bochum
Kunst
Duisburg sagte auf Geheiß des Oberbürgermeisters im letzten Augenblick ab – nun hat Gregor Schneider für die Ruhrtriennale statt „totlast“ in Duisburg enge Gänge im Museum Bochum installiert. Dort wartet neben „Kunstmuseum“ auch eine sehenswerte Ausstellung der Privatsammlung Hense.
"Doktorspiele" – Eine Teenie-Klamotte mit viel Testosteron
Teenie-Komödie
Die Teenie-Komödie "Doktorspiele" erzählt eine Coming-of-Age-Geschichte wie man sie oft gesehen hat im deutschen Kino. "Mädchen Mädchen" und "Harte Jungs", dürften diesem Film von Regisseur Marco Petry ebenso Pate gestanden haben wie die berüchtigte "American Pie"-Reihe aus den USA.
Umfrage
Die Städte in NRW fordern viele Millionen von Bund und Land, um marode Straßen zu reparieren . Wie zufrieden sind Sie mit dem Zustand der Straßen?