Brötchen für Nepal

Jetzt weiß ich, mit wem ich in diesem Leben auf gar keinen Fall tauschen würde: Mit dem Bäcker der Bäckerei Backfrisch in der Berliner Schönfließerstraße. Das weiß ich, weil ich vor kurzem meine Tochter in Berlin besucht habe und morgens zum Brötchenholen geschickt wurde.

„Splitterbrötchen“ hatte ich mitbringen sollen und zwar unbedingt von der Bäckerei Siebert, ebenfalls in der Schönfließerstraße im Prenzlauer Berg, nur zwanzig Meter von Backfrisch entfernt. Und das dauerte...

Weil nämlich die Schlange vor Siebert schon an der Bäckerei Backfrisch begann. Das soll immer so sein: dass der eine Bäcker Kunden, die seine sein könnten oder sollten, jeden Morgen stundenlang vor der Nase hat, weil sie für seine Konkurrenz nebenan anstehen, während in seinem eigenen Geschäft so gut wie nichts los ist.


Ich würde mich an seiner Stelle in die Knetmaschine stürzen. Mir war das so peinlich, dass ich kurz aus der Schlange ausscherte, bei Backfrisch ein paar Gnaden-Brötchen kaufte und mich dann wieder für Sieberts Splitterbrötchen anstellte. Dabei habe ich einiges gelernt:

dass Splitterbrötchen nicht scharf sind, sondern süß und nichts mit Splitterbomben zu tun haben. Und dass man in Berlin sowieso niemals Brötchen kauft, sondern „Schrippen“. Wobei es in unserer ruhmreichen Hauptstadt nicht reicht, Brötchen falsch zu nennen, um nicht sofort als Wessi-Touri aufzufallen, man muss sie auch noch verkehrt aussprechen: „Schrüppen“. Danne jeht et jut, und man kriegt Brötchen, die nicht mal halb so knackfrisch sind wie zu Hause. Meine Tochter schwört mittlerweile auf Schrüppen, denn sie ist ja jetzt schon fast fünf Jahre der trauten Heimaterde entwöhnt und eine echte Jöre geworden, zumindest auch nicht weniger echt als Hundertausende anderer Neuberliner aus NRW oder dem Schwabenland, die sich in unserer geliebten Hauptstadt wie Urgestein aufführen.

Ob sie jemals wieder heimkommt in die Kolumbusstraße, zum trauten Sunderplatz oder an den Alten Finkenkamp?

Ich glaub’ nicht dran. Ihre „Famulatur“ (das ist ein für werdende Ärzte durch die Approbationsordnung vorgeschriebenes viermonatiges Praktikum in einem Krankenhaus oder einer Arztpraxis) will sie nicht in der alten Heimat machen, sondern in Nepal.

Aha, Nepal. Da muss es irgendwo im Himalaya zwischen Süd-China und Nord-Indien ein ambitioniertes Krankenhaus geben, wo sie die Beschwerden von Yetis, Sherpas und buddhistischen Mönchen vermutlich mit in Gebetsmühlen zerriebener ranziger Yakbutter kurieren. Und wo es für angehende Heiler aus dem Weltflachland auch sonst eine Menge zu lernen gibt. Ich finde das – interessant und bin durchaus ein bisschen stolz auf die Kühnheit meiner Tochter. Ich habe sie allerdings in einem Nebensatz darauf aufmerksam gemacht, dass es im Himalaya so gut wie keine Aufzüge oder Rolltreppen gibt, sondern viele ausgesprochen hohe Berge und sehr dünne Luft. Das hat Rosa aber nur kurz ins Zweifeln kommen lassen.


Sie will trotz zehn Semestern Medizinstudium tatsächlich Ärztin werden und sich, bevor sie praktische Erfahrungen gesammelt hat, noch nicht auf ein Spezialgebiet festlegen. Chirurgie oder Kinderheilkunde, Anästhesie oder Hautkrankheiten – noch ist alles denkbar. Jedenfalls scheint sie sich in 5000 Metern Höhe vor lästigen Fragen zur Biochemie einigermaßen sicher zu fühlen.

Sollte sie tatsächlich demnächst ihre Reise nach Nepal antreten, werde ich sie auch dort vielleicht einmal besuchen. Gut möglich, dass ich mir bei dieser Gelegenheit auch den Mount Everest angucke, wenigstens von unten. Nur das mit dem Brötchenholen, das kann sie vergessen.