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Bordell mit Damen im Kunstpelz

Wagners Parsifal am Aalto - ein Fall für die Intensivstation
Wunden, die sich nicht schließen wollen, sind ein großes Thema in Wagners „Parsifal“. Amfortas (vorne links: Heiko Trinsinger) sehen wir im Aalto Theater darum jetzt als Fall für die Klinik. Joachim Schloemers Deutung des Erlösungsdramas fand bei der Premiere wenig Zustimmung.Foto: Thilo Beu

Oben aber, in Schloemers Versuch, die Geschichte zu übersetzen, ist der Zustand allenfalls stabil. Wer diese Grals-Gesellschaft ist, die ohne einen Toren wie Parsifal verloren scheint, darüber schweigt sich die Szene aus.

Jeffrey Dowd (Parsifal) und die Blumenmädchen. Foto: Thilo Beu

Da hilft uns der wissende Ritter Gurnemanz (Magne Fremmerlid zwar leicht röhrend, aber mit fast italienischem Timbre) wenig. Er hockt mit Rüschenhemd und Karteikärtchen als Talk-Onkel im Designersessel. Es hilft nicht die (tanzende) Verdoppelung der Sünderin Kundry und nicht die „Dark Side“ des Zauberers Klingsor.

Sein Garten ist augenscheinlich ein Bordell mit Damen im Kunstpelz (Kostüme: Nicole von Graevenitz). Sie tragen drei Sorten T-Shirts, manche mit „S“, manche mit „E“, dritte mit „X“. Dürfen wir lösen, Frau Gilzer? Buchstabiert so eine Regie, die ihr Publikum für dumm hält?

Schloemers inszenatorische Hausapotheke blieb auf manchen im Parkett nicht ohne Wirkung: Es gab Menschen, die verloren nach zehn Minuten vorübergehend das Bewusstsein – und schliefen ein.

Kitsch ist auch keine (Er-) Lösung

Pflegefall Parsifal? Nein, schon der Philharmoniker wegen nicht. Die Chöre (gelegentlich leicht grobkörnig) leisten viel. Und von Jane Duttons fahl-schriller Kundry abgesehen, hört man solide Sänger.

Yara Hassan (Kundry – Alter Ego), Jeffrey Dowd (Parsifal) und Jane Dutton (Kundry). Foto: Thilo Beu

Bewährte Wagner-Stützen des Hauses sind Jeffrey Dowd in der Titelrolle und Almas Svilpa, der einen überraschend zurückhaltenden Klingsor singt. Heiko Trinsingers  Amfortas hat noch in der Verausgabung am Ende allen Leidens packende Momente . Da aber lässt Schloemer 100 Statisten in Alltagskleidung den Gral finden: Ein Kind im Soldatenmantel bietet eine Leuchtkugel feil. Kitsch ist auch keine (Er-)Lösung.

Operation misslungen. Dass der Patient tot ist, war bei Redaktionsschluss nicht zu bestätigen. Dem Vernehmen nach ist Wagner einfach nicht kaputtzukriegen.

Termine: 24./31.3.;7./28.4; 15./30.6. Tel. 0201-8122200

Lars von der Gönna

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Kommentare
18.03.2013
18:35
Wagners Parsifal am Aalto - ein Fall für die Intensivstation
von kumpelanton | #1

Skandalinszenierungen mit denen das Publikum verärgert wird, scheinen die Regel zu sein. Wer da noch reingeht, ist selbst Schuld!

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