Bonn schart große Künstler um den großen Michelangelo

Auch für Robert Mapplethorpe (hier „Thomas”-Serie, 1987) war Michelangelo ein Vorbild.
Auch für Robert Mapplethorpe (hier „Thomas”-Serie, 1987) war Michelangelo ein Vorbild.
Foto: Bundeskunsthalle
Was wir bereits wissen
Ein Titan der Kunst – was wären die anderen an der Palette ohne ihn? Von Wetteifern und Bewunderung erzählt eine Schau in Bonns Bundeskunsthalle. Ihr Held: Michelangelo.

Bonn.. Er hatte eine zertrümmerte Nase, und sie nannten ihn „den Göttlichen“. Weil er alles träumte und konnte und das alles, selbst das Unvollendete, in nie gekannter Vollendung: Wissenschaft und Kunst, Malerei, Bildhauerei, Architektur.

„Göttlich“ – natürlich des Davids wegen und wegen seines herkulischen Moses, die vor 500 Jahren der Stadt und dem Weltenkreis zeigten, dass hier – endlich – ein Riese geboren war, ebenbürtig den Meistern der Antike; einer dem Fürsten und Päpste huldigten und der Wunder zu wirken imstande war, Wunder wie „das Jüngste Gericht“ in der Sixtinischen Kapelle, Kunstwerke, vor denen man noch heute ehrfurchtsvoll in die Knie geht. In der Bonner Bundeskunsthalle ist er nicht persönlich da, der „göttliche“ Michelangelo Buonarotti (1475-1564). Aber er ist allgegenwärtig, ein Jahrtausende-Genie gespiegelt in den Arbeiten von Jahrhundertgenies.

Künstler aus fünf Jahrhunderten

„Raffael, Caravaggio, Rubens, Rodin, Cezanne, Struth“ haben die Bonner in den Titel der neuen Großschau gerückt. Gut möglich, dass Thomas Struth, Großfotograf aus der Düsseldorfer Becher-Schule, in dieser Phalanx ein wenig mulmig geworden ist, immerhin bleiben auf dem Plakat Kaliber wie Tintoretto, Matisse oder Mapplethorpe ungenannt, die sich am Übervater huldigend abgearbeitet und sich in dessen befreienden Bann begeben haben. Wie über fünf Jahrhunderte die „unbekannten Künstler“, die in Bonn vertreten sind.

Kunst Aber Struth passt schon: Er regiert einen ganz eigenen Raum mit seiner großformatigen Fotoserie über den abwesenden Herrn Michelangelo: Wir sehen die Bewunderung, natürlich auch die Faxen und die Reiseführerroutine vor einem der größten Kunstwerke der Menschheit, das in Florenz zu bewundern ist (und gerade Knieprobleme haben soll). Um was und wen es sich handelt, erkennt man freilich nur bei genauem Hinschauen: in einer winzigen Brillen-Spiegelung: Es ist der David, die erste kolossale Aktstatue seit der Antike. Und der 500 Jahre alte junge Mann macht etwas mit uns…

Das Staunen vor dem berühmten „David“

Dem Staunen vor Davids Selbstbewusstsein und Schönheit begegnen wir in einem eigenen Sektor: Meisterhafte Aktstatuen von Auguste Rodin scheinen nun mit Michelangelo zu wetteifern wie einst Michelangelo mit den antiken Meistern. Markus Lüpertz mag sich mit seiner groben Figur reichlich brüsk vom Schönheitswettbewerb mit Michelangelo distanzieren, sein Maß ist er ebenso geblieben wie Michelangelos „Sklave“ für den Kunstaufständischen Yves Klein, auch wenn er die Skulptur kopierte und klein-blaute.

Lego-Kunst In die halbe Welt „getwittert“

Die Deckenfresken, die unvollendeten Pietas, sein Entwurf der Schlacht von Cascina: Für alle Körpersprachenschüler des Abendlands lieferte der „Göttliche“ das Wörterbuch. Michelangelo war schon zu seiner Zeit ein Superstar, bewundert, gedeutet und, weil sich Deckenfresken und Marmorkolosse schon damals nur schwerlich auf Reisen schicken ließen, kopiert und durch Handskizzen in die halbe Welt „getwittert“. Auch Zweiflern und Häretikern blieb er nicht erspart: Er war ja als erster Künstler so kühn, seine Kunstwerke noch unfertig zuzumuten: die geniale Skulptur noch „unbefreit“ im Marmorblock, die unfertig-fertigen Sklaven für das Grabmahl von Papst Julius II. Michelangelos „non finito“: Ob Scheitern am Stein oder unendliches Versprechen. Es provozierte dazu, Kunst jenseits „akademischer“ Glätte zu schätzen und der Subjektivität der Künstler zu öffnen.

Die können schon lange wissen, dass selbst „der Göttliche“ prinzipiell in Reichweite ist. Und sei es durch einen gewissen Pietro Torrigiani (1472-1528). Der hat dem jüngeren, begabteren, aber wohl ziemlich gehässigen Mitstudenten Michelangelo damals den historischen Schlag auf die Nase verpasst.

  • "Der Göttliche – Hommage an Michelangelo“. Bundeskunsthalle, Friedrich-Ebert-Allee 4, 53113 Bonn, Bis 25. Mai. Dienstags und mittwochs 10 - 21 Uhr, donnerstags bis sonntags 10 bis 19 Uhr.

  • Tageskarte zehn Euro, ermäßigt 6,50 Euro, Familienkarte 16 Euro.

  • Katalog: 288 Seiten, 400 Abbildungen, 29 Euro.