Bis zum bitteren Ende

Bestseller-Autor Don Winslow bewegt sich auch in seinem neuen Roman "Kartell" nah an den Tatsachen.
Bestseller-Autor Don Winslow bewegt sich auch in seinem neuen Roman "Kartell" nah an den Tatsachen.
Foto: imago
Was wir bereits wissen
Don Winslow schreibt seine Chronik des mexikanischen Drogenkriegs fort. Eine Story nach dem Grundgriss merikanischer Mafia-Sagas, aber mit gut recherchiertem Fundament

Essen.. Es gibt ja Bücher, die uns auch mit vielen hundert Seiten noch zu kurz sind, weil wir aus ihrer Erzählwelt einfach nicht raus wollen. Aber auch die anderen, die man kaum ertragen kann, schon früh aus der Hand legen oder gar in die Ecke pfeffern möchte – und das doch nicht tut, weil sie einen nicht loslassen. So ging es mir mit dem „Kartell“, einem 800-Seiten-Wälzer von Don Winslow, für den sein neuer Verlag Droemer jetzt die Werbetrommel rührt.

Literatur Das ist die Fortsetzung von „Tage der Toten“ aus dem Jahr 2005, damals als „Buch des Jahrzehnts“ gerühmt, einer episch breiten Chronik des mit Recht so genannten Drogenkriegs zwischen 1975 und 2004, in dem verschiedene mexikanische Kartelle um heimische Absatzgebiete und Transportwege in die USA kämpften – gegeneinander, gegen Polizei und Regierung (sofern sie die nicht in der Tasche hatten) – und am Schluss alle gegen jeden. Das war farbig erzählt, reich an Figuren, Sex, Gewalttaten und Opfern – aber auch nah an den Tatsachen, die wir aus Presse und Fernsehen kannten. Winslow hatte – das ist jetzt wieder so – seine Story nach dem Grundriss amerikanischer Mafia-Sagas, besonders Mario Puzos „Der Pate“ entworfen, aber auf einem gut recherchierten Fundament von Fakten erbaut.

Roter Romanfaden war damals die blutige Dauerfehde zwischen Adán Barrera, Erbe des Sinaloa-Kartells und seinem früheren Freund Art Keller, Drogenfahnder für CIA und DEA (denn natürlich mischen die Amis da kräftig mit). Dieser Faden wird nun weitergesponnen: Barrera kommt aus dem US-Knast, Keller, der ihn reingebracht hat, aus dem Kloster zurück – und es geht, mit höherer Drehzahl, von 2002 bis 2004, in die zweite und letzte Runde dieses Duells (gewiss nicht des Krieges).

Im Drogenkrieg verstorbenen gewidmet

Und was hat mich nun daran gestört? Erstens die zunehmende Unübersichtlichkeit jener Machtkämpfe, in denen die Fronten und Koalitionen immer rasanter wechseln. Zweitens die Eskalation der Grausamkeit und die Anhäufung zahlloser Leichen: von der Kalaschnikow zerfetzt, mit Sägemessern geköpft, zerteilt und ausgeweidet. Gewiss, das ist nicht übertrieben; aber Winslow bleibt immer öfter in der monotonen Aufzählung von Opferzahlen und Steigerung von Gewaltexzessen stecken – und stößt damit an die Grenzen der Erzählbarkeit. (Das Problem kennen wir Deutschen ja aus anderem Zusammenhang.)

Weitergelesen habe ich vor allem wegen einer spät eingeführten Nebenhandlung, in der ein paar Einzelne – eine mutige Ärztin, ein paar widerborstige Zeitungsleute – gegen die Terrorherrschaft der Banden und die Korruption des Staates aufbegehren, einen hohen Preis dafür zahlen, aber – vielleicht – doch nicht ganz erfolglos bleiben. Ein Hoffnungszeichen? Wir würden es ja so gerne glauben! Don Winslow hat dieses Buch einer ganzen Hundertschaft von namentlich genannten Journalistinnen und Journalisten gewidmet, die im „wirklichen“ Drogenkrieg umgebracht wurden. Schon deshalb sollte man es bis ans Ende lesen.