Das aktuelle Wetter NRW 9°C
Kunst

Bildhauerschmiede Düsseldorf - Eine Ausstellung als Muskelspiel im Kunstbetrieb

18.02.2013 | 22:03 Uhr
Bildhauerschmiede Düsseldorf - Eine Ausstellung als Muskelspiel im Kunstbetrieb
Günther Ueckers „Barrikade“ mit Nägeln für einen Giganten.Foto: Kai Kitschenberg

Düsseldorf.   Die Kunstsammlung NRW zeigt auf über 3000 Quadratmetern 160 Plastiken und Skulpturen von 53 Künstlern, die an der Düsseldorfer Akademie gelehrt oder studiert haben. Eine Schule gibt es nicht. Aber eine kollektive Kunstmarktlückensuche. Und einen Eindruck von der Stilvielfalt, die sie hervorbringt.

Gerhard Richter, der wohl prominenteste lebende Maler weltweit, hat in dem imposanten Gebäude an der Rheinpromenade vier Semester studiert und später noch 22 Jahre als Professor gelehrt. Und in der Fotografie hat die Düsseldorfer Kunstakademie die vielberaunte und noch besser bezahlte „Becher-Schule“ hervorgebracht. Erst recht aber wird man sagen können, dass es sich bei der 1773 gegründeten Akademie um eine Bildhauerschmiede erster Güte handelt.

Lichtinstallation von Heinz Mack.Foto: Kai Kitschenberg

Einen beeindruckenden Beleg dafür zeigt ab Mittwoch die Düsseldorfer Kunstsammlung NRW am Grabbeplatz in drei großen Sälen: Gut 130 raumgreifende Werke von 53 Künstlerinnen und Künstlern auf über 3000 Quadratmetern Ausstellungsfläche lassen sich vor allem als Muskelspiel einer echten Größe im Kunstbetrieb lesen. In Frage gekommen wären nämlich über 150 Bildhauer, die an der Akademie seit Ende des Zweiten Weltkriegs studiert und gelehrt haben.

Schon der Auftakt zeigt Gegensätze: Ewald Mataré, der erste Akademie-Rektor der Nachkriegszeit, modelliert noch Menschen und Kühe in sanft fließenden Formen. Seine Meisterschüler Joseph Beuys und Erwin Heerich aber entwickeln ganz andere Positionen: Der eine begreift gleich die ganze Gesellschaft als Plastik (auch wenn Beuys anfangs noch geschmeidig seinem Lehrer nachstrebt, wie ein früher Frauentorso von 1948 offenbart); der andere sucht sein Heil in der Geometrie, in der Abstraktion, weit weg von Mataré.

Uecker, Lüpertz, Cragg und Trockel

Zur Ausstellung

Die Bildhauer. Kunstakademie Düsseldorf, 1945 bis heute“. 20. Februar – 28. Juli, Kunstsammlung NRW K 20, Grabbeplatz in Düsseldorf (Parkhaus im Untergeschoss). Di-Fr 10-18 Uhr, Sa/So 11-18 Uhr; bis 24. Februar täglich bis 20 Uhr.

Ein Katalog zu der Ausstellung soll Ende März erscheinen; ein Kurzführer ist bereits fertig.

Überhaupt ist diese Ausstellung stark, wo sie gegeneinander stellt, Kontraste bildet: Die schwarze Mega-Maus von Katharina Fritsch, die den weißen Mann unter der Bettdecke plättet, und ein lindwurmartiges Riesenlabyrinth aus Holz, das Richard Deacon fili­gran und monströs zugleich gezimmert hat. Oder Günther Ueckers „Barrikade“ aus gigantischen Nägeln und die kühlschönen Licht- und Spiegel-Stelen von Heinz Mack, neben denen der gewollte Grobianismus der Malerbildhauer Lüpertz, Penck und Immendorff fast wie fahrlässige Halbfertigkeit wirkt.

Derlei Gegensätze haben ihren Grund: Anders als heute, da es Künstler oft nach Berlin zieht, blieben sie früher nach ihrer Akademie-Ausbildung gern im Rheinland: „Die hohe Dichte von Künstlern hier in Düsseldorf“, sagt der amtierende Akademie-Rektor Tony Cragg, „hat zu Konkurrenz geführt. Und alle dazu gezwungen, ihre Position sehr präzise zu bestimmen.“ Profanere Geister sähen da eine Kunstmarktlückensuche.

„Beulenmann, schlecht gemalt" (2003) von Paloma Varga WeiszFoto: Daniel Naupold

Cragg, der die Schau als Bildhauer (der mit drei Werken in der Ausstellung vertreten ist) gemeinsam mit der Kunstsammlung NRW ins Werk gesetzt hat, spricht von einem „sehr radikalen Umgang mit dem Material“, das allen Bildhauern gemeinsam sei. In der Tat, wie Bogomir Ecker mit seiner gut zwölf Meter hohen, knallroten „Marionette“ aus Stahl den Grabbesaal des Museums neu auslotet, das ist so radikal wie die rostige Fünf-Meter-Sitzbank aus Eisenguss von Rosemarie Trockel, wie Thomas Schüttes ebenfalls brandneue Riesenschrundschädel („4 Fratelli“) oder das Gen-Wunder „Misfit“ von Thomas Grunfeld, eine natürlich wirkende Kreuzung aus Königskranich, Biber und Strauß. Manchmal aber tut es auch das Schlichte: Reiner Ruthenbecks Plastik aus zwei unauflöslich ineinander verschränkten Leitern, die frei im Raum steht, hat es nicht nur in die Ausstellung, sondern auch aufs Plakat geschafft.

Jens Dirksen



Kommentare
Aus dem Ressort
Gezerre um den Nachlass von Jörg Immendorff nimmt kein Ende
Prozessserie
Die Prozessserie wird immer länger. Jetzt geht es um Druckgrafiken des Malers mit einem Schätzwert von rund 300 000 Euro. Die Frau eines Ex-Miteigentümers einer Düsseldorfer Galerie hatte geklagt. Ihr Mann will die Grafiken Immendorffs einst gekauft und geschenkt bekommen haben.
"Wir im Revier" - Das Ruhrgebiet probt für den "Day of Song"
Day of Song
Mit Spannung und großer Vorfreude warten tausende Sänger auf den „Day of Song“. Ehe es soweit ist, wird vielerorts geprobt - in diesem Jahr vor allem für ein neues Lied, das eigens für das gigantische Sängerfest erdacht wurde. Es heißt „Wir im Revier“.
"Kraftklub" stürmen mit "In Schwarz" Album-Charts-Spitze
Album-Charts
In diesen Tagen kommt kaum jemand an Kraftklub vorbei. "In Schwarz" heißt die neue CD der Band. Und die ist wie der Vorgänger "Mit K" direkt auf Platz eins der offiziellen deutschen Album-Charts eingestiegen. Neu auf Platz zwei: Das dritte Solo-Album des früheren Guns-N'-Roses-Gitarristen Slash.
Landesmuseum nimmt nach Besucher-Ansturm Regelbetrieb auf
Besucher-Ansturm
Wegen Überfüllung geschlossen hieß es am Wochenende am wiedereröffneten Landesmuseum in Münster. Nach dem ersten Ansturm kommt nun der Alltag. Das Landesmuseum für Kunst und Kultur hat seinen Regelbetrieb nun aufgenommen. Das Museum kann 2100 Gäste gleichzeitig fassen.
Der Nahost-Konflikt aus der Sicht eines jungen Israelis
Literatur
Kinder sehen Fotos von Trümmern im Gazastreifen, sie hören von den Toten, während die Erwachsenen fragen: Wie lange wird der Waffenstillstand dieses Mal halten? Das neue Jugendbuch von William Sutcliffe – „Auf der richtigen Seite“ – lässt die Wut etwas besser verstehen.
Umfrage
Umgestürzte Bäume stören den Bahnverkehr im Ruhrgebiet ganz erheblich. Sind sie auch betroffen?

Umgestürzte Bäume stören den Bahnverkehr im Ruhrgebiet ganz erheblich. Sind sie auch betroffen?