Bilderbogen-Reise zum Abschluss von Ruhr.2010
18.12.2010 | 20:23 Uhr 2010-12-18T20:23:00+0100
Gelsenkirchen.Es begann mit einem Wintermärchen auf der Zeche Zollverein – und es endete mit einem Wintermärchen, Teil II, auf der Gelsenkirchener Zeche Nordstern: Die Abschlussfeier der Kulturhauptstadt Ruhr.2010 wurde zum Abend der Erinnerungsbilder.
Es begann in Sturm und Kälte, mit einem Wintermärchen auf der Zeche Zollverein – und es endete mit einem Wintermärchen, Teil II, auf der Gelsenkirchener Zeche Nordstern: Die zentrale Abschlussfeier der Kulturhauptstadt Ruhr.2010 wurde zum Abend der Erinnerungsbilder. Hoch oben, wo er wie ein entlaufenes Wichtelmännchen wirkt, wandte der umstrittene Blaubart-Herkules von Markus Lüpertz dem Festtreiben seine Kehrseite zu.
Der mit Lichterketten umkränzte Nordstern-Förderturm sah ein Multimedia- und Tanzspektakel – und er hörte die schmeichelhaften Lobeshymnen der Großkopferten aufs Ruhrgebiet, von NRW-Landeschefin Hannelore Kraft, Gelsenkirchens Stadtoberhaupt Frank Baranowksi, Umweltminister Norbert Röttgen, dem Essener Stadtoberhaupt Reinhard Pass und nicht zuletzt von Ruhr.2010-Chef Fritz Pleitgen, der feststellte: „Die europäische Jury konnte keine bessere Entscheidung treffen als das Ruhrgebiet zur Kulturhauptstadt Europas 2010 zu erklären. Die Menschen hier haben daraus eine Bürgerbewegung der Kultur gemacht!“ Am Ende der Show ernannte Pleitgen die „lieben Ruhris“, die bei Temperaturen von bis zu -5 Grad ausharrten, zu „Polarbären“ ehrenhalber: „Glück Auf!“
Kein Abklatsch der Eröffnungsfeier
Ein ganzjähriger „Kühlkreislauf“ sei das eben, hatte der schlagfertige Ruhr.2010-Sprecher Marc-Oliver Hänig gewitzelt. Die schweißtreibenden Tropentemperaturen unter Tage, die Gluthitze am Hochofen – die alten Bilder sind längst abgelöst von jenem Schnee, Frost und Eis, der den Ruhri auch nicht davon abhalten kann, auf Kultur zu machen. Aber die Abschlussparty sollte keinen Abklatsch der Eröffnungsfeier bieten, hatte Ruhr.2010-Chef Fritz Pleitgen als Parole ausgegeben. Wie am 9. Januar führt auch diesmal Folkwang-Professor Gil Mehmert Regie – und diesmal hätte er eigentlich nicht mehr auf die alten Stahl- und Kohle-Bilder des Reviers zurückgreifen müssen, um sie tanzen zu lassen.
Mehmert schickt ein multimediales Fantasieschiff auf die Reise, dessen Mannschaft aus Musikern und Akrobaten eine Bilderbogen-Reise durch das Jahr 2010: Highlights wie die Eröffnung, Schachtzeichen, Still-Leben, Rheingold und Sing! Selbst der Schatten der Loveparade-Katastrophe bleibt nicht ausgespart. Am Ende donnerten noch einmal die von der Eröffnung auf Zollverein vertrauten Mega-Feuerspucker vor der Bühne, waren Feuer und Flamme fürs Revier, ein Grubenorchester war selbstverständlich auch mit von der Partie. Und doch hätte man sich vielleicht noch mehr vom gewandelten Ruhr-Bild wünschen können, dass die jungen Breakdancer am Schluss verkörperten, die mit den alten Klischees nichts mehr am Hut haben und der Kälte mit furiosen Figuren trotzen. So oder so, noch einmal stieg an diesem Abend in der Rückschau die Ahnung auf, dass hier etwas Großartiges, zumindest aber etwas Großes zu Ende ging.
Zechenkomplex Nordstern präsentierte sich in Hochform
Die 5000 Festgäste, die sich rechtzeitig die limitierten Final-Karten besorgt hatten, erlebten den Zechenkomplex Nordstern in Hochform, vier „Schachtzeichen“-Ballon waren aufgestiegen, zwei davon illuminiert, so dass sie in der Dunkelheit jene Wärme ausstrahlten, die Menschen des Reviers gerade bei diesem Projekt im Sommer verspürt hatten. Die Brücken über die Emscher waren ebenfalls illuminiert, und sogar das Ufer des zur Abflussrinne domestizierten Gewässers wurden dank des Schnees im Schein der wechselnd bunten, klug aufgesteckten Lichter zur Leinwand für unvergessliche Farb- und Schattenspiele: Auf dem ganzen Gelände zückten die Menschen unablässig ihre Kameras – und diesmal nicht so sehr, um zu zeigen, dass sie dabei waren, sondern weil es einmalige, beeindruckende Bilder waren. Von der toleranten Weltoffenheit der Ruhris zeugte schließlich der Imbissbuden -Stand in der Mitte, der tatsächlich „Original Berliner Currywurst“ feilbot.
Nicht nur in Gelsenkirchen wurde gefeiert, sondern auch in Essen an der Zeche Zollverein, wo Ruhr.2010 im Gegensatz zum Auftakt diesmal mit Edel-Kultur feierte, und ebenfalls mit Video-Rückblicken auf das Jahr. Auch hier stiegen noch einmal „Schachtzeichen“-Ballons auf und erinnern an ein Projekt, das wie so viele der besseren Kulturhauptstadt-Projekte einen unerwarteten Dreh durch massenhafte Beteiligung der Menschen zwischen Ruhr und Emscher bekam.
Das Ruhrgebiet hat sich als Einheit erfahren
Ohnehin werden es wohl die Spektakel mit Massen sein, die von Ruhr.2010 in Erinnerung bleiben werden – bei den Massen. Ansonsten gab es ja über 5600 Kulturereignisse, von denen die meisten eben nicht zehntausende, sondern ein paar hundert Besucher hatten. Es wird dabei gewiss nicht weniger qualitätvolle Kultur geboten worden sein als bei den Highlights – zumal der künstlerische Wert etwa der eigens im Auftrag der Kulturhauptstadt von Hans Werner Henze geschriebenen Oper „Gisela“ gelinde gesagt umstritten war. Eine ganz andere, gemeinschaftsstiftende Funktion von Kultur stand während des Hauptstadt-Jahrs im Vordergrund: Sowohl bei den zahllosen „Twins“-Projekten mit den europäischen Partnerstädten der 53 Revier-Kommunen als auch bei einem Massenereignis wie der A40-Sperrung am 18. Juli.
Das Ruhrgebiet hat sich dabei als Einheit erfahren, die eine Gelegenheit beim Schopfe packt, sobald sie sich bietet. Das könnte eine Erfahrung sein, die stilbildend wäre – wenn, ja wenn nicht der fast schon natürliche Egoismus der Städte wäre, der wohl wieder ausbrechen wird, wenn nicht alsbald ein neues gemeinsames Ziel vor Augen steht, so wie bei dem berühmten Esel, der nur durch ständiges Vorhalten einer Karotte in Marsch setzt.
„Das ist aber grün hier!“
Gelungen ist der Kulturhauptstadt jedenfalls der Imagewandel nach draußen, wo das Bild von den fliegenden Briketts zwischen Fördertürmen und glühenden Hochöfen immer noch vorherrschend war – sonst hätten ja nicht so viele Besucher des Reviers so oft den Satz von sich gegeben, den der Ruhri schon nicht mehr hören kann: „Das ist aber grün hier!“
Jetzt ist es nicht nur bunt hier, sondern man glaubt es auch noch, und das auch jenseits von Hamm und Hünxe. Die Kulturszene des Reviers hat es allerdings nur bedingt vorangebracht – neue Erfahrungen hat vor allem das Kulturmanagement, die Kulturverwaltung gesammelt.
Melez-Zug brachte nur wenig Menschen zusammen
Viel zu spät hat sich Ruhr.2010 auf die Suche nach den hier wachsenden und gewachsenen Mischkulturen mit Migranten-Anteil gemacht, viel zu viel Symbolik war auf diesem Feld der Kulturhauptstadt auf dem Programm – der Melez-Zug brachte nur Menschen zusammen, die ohnehin schon überzeugt davon waren, dass die Vielfalt der Kulturen zwischen Emscher und Ruhr ein Gewinn ist. Kein Wunder, dass bei der Eröffnungsfeier nichts davon zu sehen war – und auch beim Finale viel zu wenig. Von der viel beschworenen, letztlich aber höchst virtuellen Kulturwirtschaft einmal ganz zu schweigen.
11:47
Wie trefflich läßt sich doch streiten um die Kultur, und wie emotional! Aber schön daran - es findet verbaler Austausch statt. Nicht schön - es wird keinen Konsens geben.Wir hatten einen SchachtZeichen- Ballon, es waren keine Millionen bei uns, aber etliche Hundert, und diese waren wissbegierig, freundlich, neugierig, enthusiastisch und durchweg der Meinung, dass das ein tolles Projekt war. Es hat Menschen zusammen und zum Reden gebracht, in der Nähe wohnende Menschen wurden zu echten Nachbarn, die spontan Sonnenschirme und -creme spendierten, eigene Geschichten und Fotoalben mitbrachten, Kuchen und Waffeln spendierten und am Lagerfeuer mit Gitarren und selbstgesungenen Liedern mit uns Abschied nahmen von der gelben Kugel. Dafür gibt es nur einen Begriff: TOLL! oder neudeutsch GEIL! Wir sind total stolz darauf, ein Teil der Ruhr!2010 mit unserem SchachtZeichen gewesen zu sein.
12:56
#28 Lieschen Müller
Das freut mich zu lesen. Echt!
11:19
Ich fands geil, vom Anfang bis zum Ende, und (ich habe einen kleine Pension) auch meine Gäste waren begeistert! Das Ruhrgebiet hat in diesem Jahr viel für sein Image getan! Es wird auch für weitere Jahre Auswirkungen haben, bei mir funktionierts doch auch: soviele Vorbuchungen fürs nächste jahr besonders an Urlaubern hatte ich noch nie!
09:56
Noch was: Kultur ist das was ich selber mache. Berufskreative und die Bespassungs- und Unterhaltungsindustrie sind für mich eher uninteressant.
09:51
Ich bin weder Nörgler noch Frustriert, aber bis auf Schachtzeichen und A40 haben sich IMHO nur wieder die Kulturelitäeren mit Steuergeldern und Zuschüssen selbst Beweihräuchert. Wir, die Kreativen sind ja doch eh die tollen, besseren Menschen. Überhaupt wäre weniger mehr gewesen.
23:33
Diese Diskussion bringt uns doch nicht weiter.
Natürlich hat jeder dasRecht, die Ruhr2010-Veranstaltungen zu kritisieren, ohne gleich als Einfaltspinsel, Dauernörgler oder Dauerfrustrierter beschimpft zu werden.
Es hat auch nichts mit Bildung zu tun, ob man jetzt ein paar schwimmende Atolle auf dem Baldeney-See oder Unmengen von essenden und trinkenden Menschen auf der A 40 als Kultur empfindet oder nicht.
Besucherzahlen alleine dürfen nicht der Maßstab sein, sonst wären ja die Bohlen-Sendungen die Krone der Fernsehunterhaltung.
Ob Ruhr 2010 nun Fluch oder Segen für unsere Stadt bzw Region war, wird sich noch herausstellen. In 1 bis 2 Jahren werden wir sehen, welchen Stellenwert Kultur angesichts immer leerer werdender Kassen wirklich hat.
22:37
@13
Zitat:Das Revier hat gezeigt, das es mittlerweile weit weg vom Kohlenpott ist.
Ja sehr schade das dem inzwischen so ist, denn das ist doch das Markenzeichen gewesen.
Was ist denn von Zollverein und den anderen Kultur-denkmälern übrig geblieben? Was gibt wieder, wie es wirklich war?????
19:14
Komisch - außerhalb des Ruhrgebiets hat es laut diesen Kommentaren keinen interessiert, im Ruhrgebiet aber auch nicht. Woher kommen denn dann die über 10 Mio Besucher? Vllt. hätten alle Nörgler und Kritiker hier mal einige Veranstaltungen besuchen sollen. Das, was man da erlebt hat, war einzigartig. Und bei den Veranstaltungen hat man auch Leute aus anderen Bundesländern und sogar von jenseits der deutschen Grenzen getroffen. Komisch? Ist aber so!
14:27
Es war eine tolle Veranstaltung, die ohne die große Zahl Freiwilliger so nie zustande gekommen wäre. Das Ruhrgebiet hat sich von seiner besten Seite gezeigt und vieles lohnt sich, wiederholt zu werden.
Wer allerdings kulturell auf dem Level eines Einfaltspinsels liegt, kann nur solche dummen Kommentare schreiben, wie es hier einige getan haben.
14:05
Eifelturm, Pisa, Zollverein ....
und dann dieser Herkules
Was muß man sich einwerfen um auf diesen Trip zu kommen??
Bitte laßt es mich wissen!!!!!
Ich brauch das auch.