Bilder voll Wahrheit und Irritation
27.02.2009 | 18:36 Uhr 2009-02-27T18:36:39+0100Viel Fotografie ist in der Nachbarschaft zu besichtigen, alte und neue: Im Essener Folkwang-Museum stellen zwei bemerkenswerte Zeitgenossen aus - Clare Strand und Paul Graham -, Iserlohn zeigt Bilder Arthur Leipzigs aus dem New York der 40er und 50er ...
... Jahre, in Bottrop hängen Arbeiten von John Szarkowski.
Arthur Leipzig, der 1918 in Brooklyn (USA) geboren wurde und heute auf Long Island lebt, begegnet uns in Iserlohn vor allem als Pressefotograf. Die wichtigsten Magazine des Landes belieferte er, zudem beteiligte er sich immer wieder an Ausstellungen wie der 1955 von Edward Steichen im New Yorker Museum of Modern Art ausgerichteten, bahnbrechenden Fotoschau "Family of Man"
(Die Familie der Menschheit).
Das hohe Lied auf die heroischen Arbeiter Leipzig war ein Profi mit sicherem Blick für "das Bild" und Gespür für den richtigen Moment. Ihn faszinierten Kinder und Jugendliche, die in der oft feindselig wirkenden New Yorker Steinwüste bei ihm so unbeschwert spielen und raufen, als sei die Stadt gar nicht vorhanden. Ähnlich wie sein berühmter Kollege Lewis Hines sang auch Leipzig das hohe Lied auf die heroischen Arbeiter, die er in schwindelerregender Höhe oder unter Tage, aber auch in der Kneipe fotografierte. Außerdem: Freizeitmenschen am Wochenende, Küssende in der U-Bahn, Geldadel, Zocker, Operngänger und, und, und. Ein fleißiger Fotograf, ein sorgfältiger Chronist.
John Szarkowski (1925 - 2007) kennt die Fachwelt vor allem als leitenden Kurator der Fotoabteilung im Museum of Modern Art, als Herausgeber bedeutender Bildbände, als Verfasser zahlreicher Vorworte. Seine ältesten Fotos im Bottroper "Quadrat" stammen aus den 50er Jahren, sind Stadtansichten, vornehmlich aus Chicago, oder Aufnahmen aus dem Mittleren Westen in seiner bedrückenden Unendlichkeit. Späte Bilder aus den 90er Jahren vermögen nicht in gleicher Weise zu berühren wie die nostalgischen Schätze mit Autos und Mode der frühen Jahre. Man tut Szarkowski nicht Unrecht, wenn man ihn einen kenntnisreichen Foto-Amateur nennt. Amateur heißt schließlich Liebhaber.
Menschen in Wartesälen und Sozialämtern Nach Essen lockt Gegenwartsfotografie. Die größere Schau ist dem Briten Paul Graham (geb. 1956) gewidmet, einem enorm wandlungsfähigen Künstler. Seine ältesten in Essen präsentierten Arbeiten stammen aus den 80er Jahren, zeigen Menschen mit wenig Hoffnung in den schäbigen Wartesälen von Arbeitsvermittlungen und Sozialämtern. Graham fotografierte in Farbe und mit Großbildkamera - und das war vor gut 20 Jahren noch sehr unüblich in diesem Bereich. Doch das Elend vermittelt sich durchaus authentisch, wenn man es realistisch abbildet und nicht in nostalgischem Schwarzweiß.
Graham hat sich immer wieder neue Themen gesucht, die in faszinierender, manchmal nachgerade atemberaubender Weise psychologische, journalistische und ästhetische Ansätze verbinden. In einer eigentümlichen Landschaftsfotografie beispielsweise, die meistens unter blauem Himmel mit weißen Wölkchen stattfindet, vereiteln kleine, eigentlich nichtige Irritationen die Entfaltung von Schönheit: ein Helikopter in der Luft, Farbe auf der Fahrbahn, politische Plakate.
Die vielleicht stärkste, aber auch sublimste Arbeit "End of an Age" sucht bei jungen Menschen auf der Schwelle zum Erwachsensein einen mimischen, gestischen, letztlich auratischen Ausdruck für diesen Zeitenwechsel. Sehr ernst gucken die Jugendlichen in die Gegend, sinnen, leiden.
Einen solchen Moment mit der Kamera zu suchen, ist mutig. Doch scheint es, daß Graham mit seiner grenzgängerischen Methode zu bedeutenden Weitungen gelangt. Ein bemerkenswerter Fotograf.
Erklärte Vorliebe für Kriminalfilme Bemerkenswert schließlich ist auch seine Landsfrau Clare Strand. Die 35-Jährige hat eine Vorliebe für Kriminalgeschichten, Horrorfilme und unerklärliche parapsychologische Phänomene - und ihre Fotoarbeiten sind ihrerseits geheimnisvoll-beunruhigende Dokumente der Irritation. In brutal grellgeblitzen Reporter-Aufnahmen im Stil der 40er Jahre beispielsweise tauchen Körperteile auf, die da nichts zu suchen haben, eine andere Fotoserie läßt furchterregende Kampfspuren erkennen.
Falls es noch nicht deutlich geworden ist: Clare Strand hat Humor. Das ist sehr selten in heutigen Fotografenkreisen.
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